Das Menschenbild im Islam
- Die Menschenwürde
„Gott zeichnete den Menschen mit Würde aus. Ich betone hier eindringlich, den Menschen, da Adam versinnbildlicht der Vater aller Menschen ist. Die Würde des Menschen ist damit ein absoluter Wert. Die Würde des Menschen ist bereits mit seiner Existenz gegeben. Sie ist nicht Gegenstand einer Zuerkennung, sondern Gegenstand einer Anerkennung. Die Menschenwürde hängt mit den Eigenschaften des Menschen zusammen, die ihn von allen anderen Geschöpfen unterscheidet. Diese Eigenschaften sollen ihn dazu befähigen, seine Rolle als Statthalter auf Erden zu erfüllen und Zivilisation zu schaffen. Zu diesen Eigenschaften gehören seine Vernunft und seine Entscheidungsfreiheit, sie versetzen ihn in die Lage ein selbstbestimmtes Leben zu führen, Verantwortung zu tragen, die Welt zu gestalten und zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch zu unterscheiden. Ob ein Mensch diese Fähigkeiten verwirklicht, beeinträchtigt nicht seine Menschenwürde. Sie gilt für jeden Menschen ohne Rücksicht auf seinen individuellen Entwicklungsstand. In der Vorstellung des Islam muss jedoch jeder Mensch am Jüngsten Tag Zeugnis für sein Leben ablegen und spätestens dort Verantwortung übernehmen."
- Das Böse
„Iblis, weder Engel noch Mensch, sondern ein Dschinn ist uns Menschen sehr ähnlich. Sein Hochmut führte zu seiner Verdammung, lässt ihn zum Satan werden. Betrachten wir die Begründung (7: 12-18) Iblis für seine Weigerung sich Niederzuwerfen, so stellen wir die Sinnleere des Bösen fest. Das Böse besitzt keine Lehre, keine Botschaft für die Zukunft. Alles was es will, ist die Welt brennen zu sehen. Schauen wir genauer hin, so sehen wir, dass das Böse nicht zwangsläufig ist. Gott fragt Iblis, warum er sich weigere, sich niederzuwerfen. Iblis Antwort verrät seinen Trotz und seinen Hochmut und dies führt zu seiner Verbannung. Das Böse geschieht nicht einfach so, sondern es wird gemacht, man entscheidet sich bewusst dafür, es zu tun. Die Natur des Bösen ist die eigene Überhöhung. Iblis glaubt, er sei besser, womit er gleichzeitig die Würde des Menschen als nichtig erachtet. In diesem Hochmut, in dieser Verachtung liegt die Wurzel, die Natur des Bösen. Vor ihr müssen wir alle uns hüten, denn wir alle sind verführbar."
- Die Funktionalität von Religion
„Religion [ist] um des Menschen willen da (...), nicht umgekehrt der Mensch für die Religion. Religion dient den Menschen als Orientierungsfaden allerorts und zu allen Zeiten. Die Religion soll dem Menschen helfen, seine Würde anzuerkennen, zu wahren und auszudrücken. Wer den Menschen als Zweck betrachtet, der läuft Gefahr unmenschlich zu denken und zu handeln."
- Die Subjektstellung des Menschen
„Mit der positiven Beschreibung des Menschen im Qur'an, mit dem Akt der Vergebung, die Gott Adam gewährt, mit dem Ausbleiben einer Erbsünde, wie sie das Christentum kennt, drückt das Menschenbild des Islam eine Subjektstellung des Menschen aus. Der Mensch ist kein Objekt, kein Instrument, kein Werkzeug, kein Ding, über das einfach verfügt werden könnte. Der Mensch soll sich auf der Erde entfalten, verantwortlich mit der Schöpfung umgehen und Zivilisation schaffen. (...) Die ideale menschliche Gesellschaft, die die Schrift vorzeichnet, besteht darin, dass der Mensch als freies Individuum angesehen wird, der für seine Taten selbst die Verantwortung trägt. Grundsätzlich darf kein anderer Mensch einen Zwang auf ihn ausüben, ganz besonders nicht in der eigentlichen Bewährungsfrage: Der Frage nach Gott."
- Freiheit
„Während vorher [in Arabien] die Stellung des Menschen von seiner Abstammung, seinem sozialen Status, seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht abhängig war, werden diese irdischen, menschengemachten Vorgaben gestürzt und der Mensch als gleicher unter gleichen proklamiert. Daraus entspringt die große Freiheit, weil alle Mächte und Gewalten, die den Menschen so leicht versklaven, relativiert werden. Durch die Bindung an Gott, dem Schöpfer und Herrn, kann nichts und niemand die Freiheit des Menschen mehr einschränken. Dazu gehört es auch, dass es im Islam keinen Klerus gibt, keine privilegierte Klasse von Geistlichen, die über einen besonderen Zugang zu Gott verfügt. Gott ist durch seine absolute Transzendenz allen Menschen gleich nahe (...). (...) Es gibt nichts, dass zwischen Gott und dem Gottesgläubigen steht und hierin, in dieser unmittelbaren und vermittlerlosen Verehrung, bestätigt sich die Größe und die Verantwortung des Gottesgläubigen."
- Toleranz
„Wir alle werden seit Geburt an mit der Fraglichkeit der Welt konfrontiert und somit mit der Frage nach Gott. Aufgrund dieser Fraglichkeit der Welt und Kraft unserer Entscheidungsfreiheit, können wir uns für den Glauben an eine Existenz Gottes entscheiden oder auch dagegen. Der Qur'an fordert als grundlegendes Prinzip zwischen beiden Gruppen die Toleranz. (...) Dieses Gewähren, dieses Tolerieren des Anderen entspringt aus der Fraglichkeit dieser Welt und der Entscheidungsfreiheit des Menschen. Die Toleranzkonzeption in der Schrift geht in ihrem Verständnis einer von Gott verliehenen Menschenwürde so weit, dass sie die Gottgläubigen ermahnt, sich jedes Spotts und jeder Lästerung eines anderen Glaubens zu enthalten:
Und schmäht nicht diejenigen, die sie neben Gott anrufen, damit sie nicht ihrerseits aus Feindschaft und Unwissenheit Gott schmähen; denn Wir haben jedem Volk sein Tun wohlgefällig erscheinen lassen. Dann aber ist ihre Heimkehr zu Gott, und Er wird ihnen vorhalten, was sie getan haben. (6: 108)
Ebenso erklärt der Qur'an, dass jede Andersbehandlung eines Nichtmuslims eine Verletzung seiner Menschenwürde darstellt. Der Islam verwirft jede Form von Religionschauvinismus und fordert die Nächstenliebe:
Dies ist es, was Gott Seinen Dienern verheißt, die glauben und das Rechte tun. Sprich: „Ich verlange keinen Lohn von euch. Aber liebt dafür (euere) Nächsten." Wer eine gute Tat begeht, dem werden Wir gewiß noch mehr an Gutem erweisen. Gott ist fürwahr verzeihend und erkenntlich. (42: 23)"



