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Das Volk Israels

  • Die Einzigartigkeit des Volkes Israel
„(...) In einer polytheistischen Umgebung berief sich dieses Volk auf einen Bund mit einem Gott.
Nicht irgendeinem Gott, sondern den einen und einzigen Gott. In seinen Anfangstagen war das spätere Volk Israel ein umherziehender Nomadenklan gewesen. Als solches waren die Hebräer auf Wasserstellen für ihre Kleinviehherden angewiesen. Im Sommer wanderten sie daher aus den Wüsten und Steppen in das Kulturland Kanaan, was heute dem Gebiet Palästinas entspricht. Zwischen dem 15./14. Jahrhundert bis zum 13. Jahrhundert v. Chr. begannen sich schrittweise die Hebräer, unter Führung der Patriarchen, in Kanaan niederzulassen. Es war die Zeit eines Übergangs vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit.
Das Bekenntnis zum Monotheismus war das einzigartige Urbekenntnis der Hebräer, doch teils durch die polytheistische Umwelt, teils durch die Stammesmentalität beeinflusst, wich es der Monolatrie. Monolatrie bedeutet, dass Gott lediglich als Gott des eigenen Volkes/Stammes angesehen wird, was jedoch nicht die Existenz anderer Götter in anderen Völkern/Stämmen ausschließt, die aber nicht verehrt werden dürfen.
Nicht alle Gruppen nomadischer Israeliten ließen sich in Palästina nieder, einige wanderten weiter und gelangten schließlich nach Ägypten - wie es ägyptische Grenzbeamte festgehalten haben - wo die Ägypter sie nach und nach zur Fronarbeit zwangen. Diese Israeliten fanden in Mose ihren Retter, der sie im Namen des Gottes JHWH aus Ägypten führte. Diese Gruppe, die als die Moseschar bezeichnet wird, wurde auf dem Gottesberg in der midianitischen Wüste als Gemeinde konstituiert und ihr ein Mitanrecht an dem Kulturland gegeben. (...) Mit dem Anspruch auf Land zog die Moseschar in das Kulturland Kanaans ein, wo sie dann allem Anschein nach, ihr Recht geltend machen konnte und unter den Israeliten aufging.
Die Gottesvorstellung in den Patriarchensippen, wie auch innerhalb der Moseschar erstreckte sich von einem minoritären und strikten Jahwe-allein-Glauben, bis hin zu Monolatrie und Polytheismus. Erst zwischen dem sechsten und siebten Jahrhundert v. Chr. vermochte es die Jahwe-allein-Bewegung sich endgültig im Volk Israels durchzusetzen."
  • Der jüdische Monotheismus

„Deuteronomium 6,4-9 stellt das Urbekenntnis der Juden dar, das sie im täglichen Morgen und Abendgebet aufsagen. Die eigentliche Sünde im Judentum stellt der Abfall von Gott dar. Die monotheistischen Israeliten sahen sich - geprägt durch ihr polytheistisches Umfeld - in einer besonderen Beziehung zu Gott. Im eigenen Verständnis bilden sie eine Gemeinschaft mit Ihm. Als Volk, das seine Existenz einem theozentrischen Bund verdankt, sehen sich die Juden als Volk Gottes und damit als erwählt an. Dieser Erwählungsgedanke ist aber kein religiöser Chauvinismus und darf auch nicht als solches von Nichtjuden wie Juden verstanden werden. Der Theologe Fohrer erläutert diesen Erwählungsgedanken folgendermaßen:

„Es wäre abwegig und falsch, den Erwählungsglauben als Ausdruck nationaler Anmaßung und Überheblichkeit zu be- oder verurteilen und dem Judentum die Ansicht zu unterstellen, es besitze von sich aus besondere Vorzüge gegenüber den anderen Völkern und sei somit das „auserwählte Volk". Die „Erwählung" besteht vielmehr darin, dass es mit Gott in einem besonderen Lebensverhältnis steht und dass es darum mit einer besonderen Aufgabe betraut ist: die ihm in der Tora auferlegten Pflichten selbst auszuüben und die anderen Völker darüber zu belehren."

Als Volk und Religionsgemeinschaft zugleich, sind die Juden eine Abstammungsgemeinschaft, da man als Jude geboren wird, sofern die Mutter jüdisch ist. Doch das Judentum ist auch eine Wahlgemeinschaft, d.h. durch Konversion kann ein Nichtjude der jüdischen Religion beitreten.
Der Glaube an den einen Gott, den Bund mit Ihm, das Erahnen der eigenen Besonderheit in einem polytheistischen Umfeld bewirkte bei den Hebräern eine geistige Revolution, die sich in allen Facetten des jüdischen Lebens widerspiegelte:

(1) Dieser Glaube befreite und bewahrte sie vor einer Weltanschauung, in der der Mensch der Willkür von Göttern, Halbgöttern, Gottmenschen, Magie und Aberglauben ausgesetzt ist. Sie sind freie Menschen, indem sie frei durch und unter Gott sind. Dieser Gott ist kein willkürlicher Gott, sondern dem Volk Israel wohl gesonnen. Die theozentrische, also vertikale Beziehung zu diesem Gott basiert auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Anders ausgedrückt, die Handlungen bestimmten das Verhältnis zu Gott. (...)

(2) Da alle Hebräer im gleichen Maß in Gemeinschaft mit Gott stehen, sind sie eine Gesellschaft der Gleichen. Jede Form von Mittlern wird abgelehnt, ob im Sinne einer niedrigeren Gottheit, eines Engel- oder Heiligenkultes oder einer elitären Klasse von Geistlichen, die einen gesonderten Zugang zu Gott besitzt. Damit verwehren sich die Juden einer Herrschaft von Menschen über Menschen, gleich in welcher Form. Machtausübung und Recht ist nur dann legitim, wenn sie innerhalb des Bundes ausgeübt wird. Wiederum lässt sich sagen, die Juden sind ein Volk der Freien, frei durch und unter Gott.

Mit dieser Geisteshaltung waren die Israeliten in Kanaan einzigartig. In einem Umfeld, in dem die Juden als einziges Volk den Monotheismus vertraten, war die Dialektik Auserwähltes Volk Gottes/Polytheisten schlüssig. (...)Erst mit dem Auftreten des Islam, der den gleichen strengen Monotheismus wie das Judentum vertritt, mussten Juden diese Dialektik überdenken. Günter Stemberger, Professor für Judaistik, merkt an:

Doch weiß die Bibel von einem Bund Gottes mit Noach, der zwischen Gott „und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde" gilt (Gen 9). Von hier werden die (meist als sieben gezählten) „noachidischen Gebote" abgeleitet: Verboten sind Götzendienst, Gotteslästerung, Unzucht, Mord, Raub und der Genuß eines Gliedes eines noch lebenden Tiers; geboten ist die Einrichtung einer Rechtsordnung. Wer sich an diese Grundregeln hält, gilt nicht als Götzendiener", sondern als „Frommer der Weltvölker", der seinen Platz in der göttlichen Weltordnung hat, auch wenn er nicht zum Judentum übertritt. Anhänger des Islam hat man von Anfang an dieser Kategorie zugeordnet; Christen hat man (vor allem wegen des Glaubens an die göttliche Trinität) erst im Laufe des Mittelalters und auch dann nicht einhellig diesen Status zuerkannt".

Die für Christen und Muslime sicherlich schwer nachvollziehbare Verquickung von Abstammung und Religion bezeugt der männliche Jude auch mit dem Akt der Beschneidung (Brit Mila). (...)
Volk, Glaube und Land, auf dieser Dreiheit basiert das Judentum. Dies bedeutet konsequenterweise, dass ein Jude nur dann vollwertiges Mitglied des Bundesvolkes ist, wenn er im Land Kanaan lebt. Wenn immer Juden gezwungen waren, das Land zu verlassen, so lebte doch immer in ihnen die Hoffnung und die Sehnsucht in dieses wieder zurückzukehren. (...)
Gottes Willen und die Lebensordnung für Sein Volk offenbart sich in der Tora. Sie lehrt den Juden, wie er als Mitglied dieser auserwählten Gemeinschaft sein Leben unter Gott zu führen hat.
Die Tora ist Grundlage der Halacha, des jüdischen Rechts, auf dem das Volk Israel seine Gesellschaft und Zivilisation aufbaute und ihm das rechte Verhalten lehrt. Das rechte Gesamtverhalten des Menschen stellt für den Juden Gerechtigkeit dar. Gerechtigkeit ist für einen Juden kein abstrakter Begriff, sondern ein Verhaltensbegriff. Etwas, dass durch Tun erreicht werden kann. So heißt in der Tora:

Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachtrachten. (...) (Deuteronomium 16,20)"

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