Das Volk Israels
- Die Einzigartigkeit des Volkes Israel
- Der jüdische Monotheismus
„Deuteronomium 6,4-9 stellt das Urbekenntnis der Juden dar, das sie im täglichen Morgen und Abendgebet aufsagen. Die eigentliche Sünde im Judentum stellt der Abfall von Gott dar. Die monotheistischen Israeliten sahen sich - geprägt durch ihr polytheistisches Umfeld - in einer besonderen Beziehung zu Gott. Im eigenen Verständnis bilden sie eine Gemeinschaft mit Ihm. Als Volk, das seine Existenz einem theozentrischen Bund verdankt, sehen sich die Juden als Volk Gottes und damit als erwählt an. Dieser Erwählungsgedanke ist aber kein religiöser Chauvinismus und darf auch nicht als solches von Nichtjuden wie Juden verstanden werden. Der Theologe Fohrer erläutert diesen Erwählungsgedanken folgendermaßen:
„Es wäre abwegig und falsch, den Erwählungsglauben als Ausdruck nationaler Anmaßung und Überheblichkeit zu be- oder verurteilen und dem Judentum die Ansicht zu unterstellen, es besitze von sich aus besondere Vorzüge gegenüber den anderen Völkern und sei somit das „auserwählte Volk". Die „Erwählung" besteht vielmehr darin, dass es mit Gott in einem besonderen Lebensverhältnis steht und dass es darum mit einer besonderen Aufgabe betraut ist: die ihm in der Tora auferlegten Pflichten selbst auszuüben und die anderen Völker darüber zu belehren."
(1) Dieser Glaube befreite und bewahrte sie vor einer Weltanschauung, in der der Mensch der Willkür von Göttern, Halbgöttern, Gottmenschen, Magie und Aberglauben ausgesetzt ist. Sie sind freie Menschen, indem sie frei durch und unter Gott sind. Dieser Gott ist kein willkürlicher Gott, sondern dem Volk Israel wohl gesonnen. Die theozentrische, also vertikale Beziehung zu diesem Gott basiert auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Anders ausgedrückt, die Handlungen bestimmten das Verhältnis zu Gott. (...)
(2) Da alle Hebräer im gleichen Maß in Gemeinschaft mit Gott stehen, sind sie eine Gesellschaft der Gleichen. Jede Form von Mittlern wird abgelehnt, ob im Sinne einer niedrigeren Gottheit, eines Engel- oder Heiligenkultes oder einer elitären Klasse von Geistlichen, die einen gesonderten Zugang zu Gott besitzt. Damit verwehren sich die Juden einer Herrschaft von Menschen über Menschen, gleich in welcher Form. Machtausübung und Recht ist nur dann legitim, wenn sie innerhalb des Bundes ausgeübt wird. Wiederum lässt sich sagen, die Juden sind ein Volk der Freien, frei durch und unter Gott.
Mit dieser Geisteshaltung waren die Israeliten in Kanaan einzigartig. In einem Umfeld, in dem die Juden als einziges Volk den Monotheismus vertraten, war die Dialektik Auserwähltes Volk Gottes/Polytheisten schlüssig. (...)Erst mit dem Auftreten des Islam, der den gleichen strengen Monotheismus wie das Judentum vertritt, mussten Juden diese Dialektik überdenken. Günter Stemberger, Professor für Judaistik, merkt an:
Doch weiß die Bibel von einem Bund Gottes mit Noach, der zwischen Gott „und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde" gilt (Gen 9). Von hier werden die (meist als sieben gezählten) „noachidischen Gebote" abgeleitet: Verboten sind Götzendienst, Gotteslästerung, Unzucht, Mord, Raub und der Genuß eines Gliedes eines noch lebenden Tiers; geboten ist die Einrichtung einer Rechtsordnung. Wer sich an diese Grundregeln hält, gilt nicht als Götzendiener", sondern als „Frommer der Weltvölker", der seinen Platz in der göttlichen Weltordnung hat, auch wenn er nicht zum Judentum übertritt. Anhänger des Islam hat man von Anfang an dieser Kategorie zugeordnet; Christen hat man (vor allem wegen des Glaubens an die göttliche Trinität) erst im Laufe des Mittelalters und auch dann nicht einhellig diesen Status zuerkannt".
Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachtrachten. (...) (Deuteronomium 16,20)"



