Der Islam
„Wir haben gelernt zu differenzieren, doch allzu oft, wenn es zum Thema Islam kommt, setzt eine Perzeptionssperre ein, wie es der Islam-Denker Murad Hofmann ausdrückt. (Vgl. Hofmann, Murad Wilfried [1991:36]) In unserer Vorstellung lebt das Bild eines monolithischen-unhistorischen Islam. Ein Phänomen, das sich bei Nichtmuslimen wie Muslimen findet. Erstere, wie Udo Ulfkotte, schreiben ein Buch nach dem anderen, indem sie warnen, dass das Kollektiv die Muslime einen Masterplan besitzen, demzufolge sie 2020 die Herrschaft über Europa innehaben werden. Sie spielen sich als Verfechter der christlich-abendländischen Zivilisation auf und versuchen das Grundgesetz auszuhebeln. Es riecht verdächtig nach etwas, dass wir aus der Vergangenheit kennen: Die Protokolle der Weisen von Zion, nur eben in grün. Letztere, die Muslime, idealisieren die islamische Geschichte und Zivilisation derart, dass sie zu einer „heilen Welt" wird, deren Zusammenbruch nur von Außen durch Verschwörung geschehen konnte.
Weder dürfen wir uns von einem Feindbild Angst einjagen, noch uns von einem Idealbild blenden lassen. Sicherlich: Die Muslime sind eine theozentrische Gemeinschaft. Das Wesen dieser Gemeinschaft bestimmt der Qur'an. Und der Qur'an betont die Einzigkeit Gottes, die keinen Aspekt des muslimischen Lebens unberührt lässt. Murad Hofmann fasst die Botschaft des Qur'an folgendermaßen zusammen:
„- Es gibt einen Gott.
- Dieser ist ein einziger (nicht trinitärer), unfassbarer Gott.
- Es gibt und gab keine Inkarnation Gottes in einen Menschen; auch Jesus war nur ein Gesandter.
- Dieser Gott ist für alle Menschen gleichermaßen da. (Es gibt kein „auserwähltes Volk".)
- Es gibt ein Leben nach dem Tod. - Sinn der menschlichen Existenz ist die Erkenntnis und das Lob Gottes.
- Wer sich Gott ganz hingibt, ist Muslim
- so wie schon Abraham und wie Moses und Jesus.
- Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. (Es gibt keine Erbsünde.)
- Das Verhalten des Menschen entscheidet über sein Schicksal im Jenseits.
- Muhammad hatte als Prophet die Aufgabe, diese Wahrheiten in Erinnerung zu rufen und damit die Verformungen zu korrigieren, die es im Judentum und Christentum (wegen der Vergötterung von Jesus) zwischenzeitlich gegeben hatte.
- Insofern ist Muhammad der letzte, das „Siegel" der Propheten (33: 40)." (Henning, Max [2001:12-13])
Dieses Wesen ist unveränderlich und stellt den roten Faden in der Geschichte dieser Gemeinschaft, genannt Umma, dar. Doch die Geschichte bedingt, dass sich das religiöse Verständnis vom Qur'an wandelt und somit auch die Verwirklichung dessen, was die Muslime unter Islam verstehen. Hans Küng spricht von einer „Beständigkeit, aber nur in der wechselnden Erscheinung." (Küng, Hans [2007:50]) Wesen und Verwirklichung des Islam müssen voneinander unterschieden werden, das Wesen in der Gestaltwerdung erkannt werden, um die konkrete geschichtliche Erscheinungsform beurteilen zu können. Das Wesen bleibt der Maßstab, an dem sich die Umma messen lassen muss. Dies bedeutet auch, dass es wie in den anderen Religionen einen beständigen Begleiter des Wesens gibt: Das Unwesen, die missbrauchte und pervertierte Form der Religion."



