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Die umma

  • Arabien vor dem Islam

„Wie das Volk Israel, so haben auch die Araber bereits vor dem Islam ihre Abstammung auf Abraham zurückgeführt. Während die Hebräer sich auf die Abstammungslinie Abraham- Isaak-Jakob berufen, so verweisen die Araber auf die Genealogie Abraham-Ismael, die bereits in der vorislamischen Zeit als die Erbauer der Kaaba galten. (...)
Die Abraham-Bezüge in den mekkanischen Suren machen deutlich, dass Abraham für die Araber eine vertraute Gestalt war. Der Kirchenhistoriker Sozomenos (gest. 450 n. Chr.) hatte bereits in seinem Historia Ecclesiatica im 6. Buch Araber erwähnt, die sich als Nachfahren Ismaels ansahen und sich ganz Gott hingaben.
Ebenso war die Beschneidung unter den Arabern lange vor Auftreten des Gesandten Gottes Muhammad üblich. Dies muss in keinem Zusammenhang mit Abraham stehen, ist doch die Beschneidung auch unter Nomadenvölkern Afrikas und Australiens wie auch im Alten Ägypten bekannt gewesen, doch ausgeschlossen werden kann es nicht. Im Islam gilt die Beschneidung (Khitan) als Ausdruck des religiösen abrahamitischen Bundes. Sie war vor und nach dem Auftreten des Propheten Muhammad eine so selbstverständliche Praxis, dass der Qur'an sie nicht mehr explizit erwähnen musste.
Der Islam musste sich in seiner Entstehungszeit in einer polytheistischen Umgebung, die zugleich eine abrahamitische war, behaupten. Was dies bedeutet, werden wir verstehen, wenn wir die Gruppen neben den Polytheisten betrachten:

(1) Die Hanifen
In Arabien existierte eine minoritäre Bewegung, vielmehr Einzelpersonen, die zu dem Schluss gekommen waren, dass es nur einen einzigen Gott gibt. Weder bekannten sie sich zum Judentum noch zum Christentum, allerdings beriefen sie sich auf Abraham, ihrem Stammvater. Ein solcher Wahrheitssucher wurde im islamischen Schrifttum später Hanif (Pl. Hunafa'), Rechtgläubiger, genannt.

(2) Jüdische Gemeinden auf der arabischen Halbinsel
Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n. Chr. und der Verbannung der Juden aus Jerusalem 135 n. Chr. suchten Juden unter anderem auch auf der arabischen Halbinsel Zuflucht. Im Jemen entstand sogar für kurze Zeit ein jüdisches Königreich. Bekehrte, als der himjaritische König Yusuf As'ar Yath'ar, im islamischen Schrifttum Dhu Nuwas genannt, (Regierungszeit 516/18-525 n. Chr.) zum Judentum übertrat. Ein von ihm angeordnetes Massaker an der christlichen Bevölkerung der Oase Nadschran, die sich weigerten dem Judentum beizutreten, führte zu einer Intervention Byzanz und Abessiniens. Der Herrschaft der Himjariten wurde 525 n. Chr., eine Ende bereitet. Damit endete zwar die Förderung des Judentums in Südarabien, aber auch an Orten wie Khaybar und Yathrib ließen sich Juden nieder und entstand jüdisches Leben auf arabischen Boden. Schnell vermischte es sich mit seinem polytheistischen Umfeld und es entwickelte sich eine Sonderform des Judentums heraus. Der Islamwissenschaftler Reza Aslan schreibt:

„Trotz ihrer Kontakte zu größeren jüdischen Siedlungen im Nahen Osten hatten die Juden Arabiens eigene Spielarten des traditionellen jüdischen Glaubens und jüdischer religiöser Praxis entwickelt. Sie teilten viele religiöse Vorstellungen mit ihren heidnischen arabischen Nachbarn und pflegten gemeinsame volksreligiöse Praktiken, darunter Magie, Orakel und die Verwendung von Talismanen. (...) Zwischen Juden und heidnischen Arabern herrschte eine symbiotische Beziehung: Nicht nur waren die Juden stark arabisiert, auch die Araber waren von jüdischen Glaubensvorstellungen und Praktiken beeinflusst."

(3) Christliche Gemeinden auf der arabischen Halbinsel
Nach dem Ende der Herrschaft der Himjariten etablierten die Abessinier im Jemen ein Protektorat, das von einem Vizekönig regiert wurde. Wohl gegen 535 n. Chr. stürzte der abessinische Sklave Abraha diesen Vizekönig, errang die Herrschaft über den Jemen und konnte trotz Anerkennung der Oberhoheit des abessinischen Königs unabhängig regieren. Unter seiner Herrschaft wurde das Christentum in Südarabien massiv gefördert und es entstand in Nadschran das große christliche Zentrum Arabiens. Allerdings konnte das Christentum in Zentralarabien nur schwer Fuß fassen. Da half auch nicht der massive und pompöse Kirchenbau, mit dem man beabsichtigte, die heidnischen Tempel als Wallfahrtszentren abzulösen. Schließlich zog 570 n. Chr. Abraha auf einem Elefanten mit seinem Heer gegen Mekka, um die Kaaba zu zerstören. Der Feldzug misslang als während der Belagerung Mekkas im Heer Abrahas eine Seuche ausbrach, die seine Soldaten und schließlich ihn dahin raffte.
Doch auch im Norden und Osten der arabischen Halbinsel lebten Christen, genauer: Judenchristen. Das Judenchristentum bezeichnet die Jerusalemer Urgemeinde der Jünger Jesu. Der Theologe Eusebios (gest. ca. 359 n. Chr.) berichtet in seiner Kirchengeschichte, dass die Jerusalemer Gemeinde nach der Hinrichtung ihres Oberhauptes Jakobus im Jahr 62 n. Chr. Jerusalem verlassen hätte und nach Pella im Ostjordanland übergesiedelt sei. Diese Christen praktizierten die Taufe im Namen Jesu, beachteten jedoch zugleich das jüdische Gesetz und lasen aus einem Matthäus-Evangelium in hebräischer Sprache. (...)
Die hebräisch-aramäische Bezeichnung für diese Christen lautete: Nazoräer. Im Qur'an werden die Christen Nasara genannt. Ihr Jesubild entspricht dem Jesubild des später offenbarten Qur'an und damit dem eigentlichen Jesubild der Anhänger Jesu, wonach dieser kein göttliches Wesen, sondern Mensch war. Nach der Hälfte des fünften Jahrhunderts verlieren sich die Spuren der Judenchristen. Doch das ursprüngliche Jesubild ging nicht verloren, sondern fand sich im Qur'an wieder. Es lassen sich noch viele weitere Formen des Christentums in Arabien finden: Christen mit einer ausgeprägten Jesu und Marienverehrung, gnostisch geprägten Elchasaiten, sowie Christen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen über die Trinität.

Auf diesem wilden abrahamitischen Boden wurde der Islam offenbart."

  • Der islamische Monotheismus
„Die Bedeutung des Islam für die Menschheitsgeschichte betrifft zwei Punkte:
(1) Eröffnete der Islam den Menschen wieder einen Weg zum Glauben Abrahams.
(2) Der Islam ersetzte die Struktur der Stammesgesellschaft - ohne sie jedoch zu beseitigen - durch die umma, einer Wahlgemeinschaft. Jeder - ob Mann oder Frau, arm oder reich, weiß oder schwarz - der das Bekenntnis Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt und ich bezeuge, dass Muhammad sein Gesandter ist ablegte, war Muslim geworden. Dieses Bekenntnis hat soziale und politische Implikationen, da man als Muslim zugleich der umma angehört. Im Qur'an heißt es:

Und diese euere Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, weil Ich euer aller Herr bin. (Qur'an 23: 54)

Die umma war, wie der Islamwissenschaftler Reza Aslan schreibt, ein Neostamm, eine neue Form der sozialen Organisation. Nichts anderes als ein spirituelles Band verbindet die 1,5 Milliarden Muslime dieser Welt, die sich gegenseitig als Geschwister betrachten.

Für die ersten Muslime bedeutete dieser Glaube, der Islam, eine geistige Revolution:

(1) Der Islam befreite sie aus der Knechtschaft des Götzendienstes. Der Götzendiener ist ein Mensch, der das Werk seiner eigenen Hände anbetet. Doch das, was er anbetet, sind Dinge. Diese Figuren haben Nasen und riechen nicht, haben Ohren, aber hören nicht, und sie haben einen Mund und sprechen nicht. Der Mensch, ein lebendiges, offenes, transzendierendes Wesen unterwirft sich einem Objekt. Durch die Wiederherstellung des Glaubens Abrahams gibt der Islam Gott den Menschen und den Menschen Gott zurück.

(2) In einer Gemeinschaft der Gleichen unter Gott kann es keine Privilegien und keine Vermittler geben. Daher hat es im Islam, mit Ausnahme der Schia, niemals einen Klerus gegeben. Wie das Judentum kennt der Islam einzig Schriftgelehrte, die aber kein Monopol in der Auslegung der Religion besitzen. Selbst den Propheten gebührt keine Verehrung im Islam (...)
Der Islam unterteilt dialektisch in Herr und Diener Gottes. Eine höhere Stellung kann der Mensch nicht erzielen. Eine Aristokratie ist der umma fremd, da vor Gott der vorzüglichste der Gottesfürchtige ist. Wie es aber um die Gottesfürchtigkeit bestellt ist, weiß nur Gott. Als Gesellschaft der Gleichen empfinden sich die Muslime als freie Menschen, frei in und unter Gott.
Die Beziehung zwischen Mensch und Gott, Geschöpf und Schöpfer, Diener und Herr findet Ausdruck im Glauben und Handeln des Muslims. Einem Gedanken der Erwählung verwehrt sich der Qur'an. Wenn die Muslime nicht durch gerechte Taten Zeugnis für ihren Glauben ablegen, dann sind sie Gottes nicht würdig. Auf den Gedanken der Selbstverantwortlichkeit wird wiederholt im Qur'an hingewiesen:

Und fürchtet den Tag, an dem ihr zu Gott zurückkehren müsst. Alsdann erhält jede Seele ihren Lohn nach Verdienst, und es soll ihnen kein Unrecht geschehen. (Qur'an 2: 281)

Religiöser Chauvinismus gebührt sich nicht für einen Muslim, da Gott alle Menschen mit Würde ausgezeichnet hat, die es allerorts und zu allen Zeiten anzuerkennen gilt:

Und wahrlich, Wir zeichneten die Kinder Adams aus und trugen sie über Land und See und versorgten sie mit guten Dingen und bevorteilten sie gegenüber den meisten Unserer Geschöpfe. (Qur'an 17: 70)

Dies hat weitreichende Konsequenzen, denn die Juden glauben ebenfalls an den einen Gott und ebenso gibt es Christen, die die Trinität zurückweisen. Darüber hinaus gibt es Menschen, die an Gott glauben, aber weder Muslime, noch Christen, noch Juden sind und dennoch ein rechtschaffenes Leben führen. Der Qur'an verspricht diesen Menschen, dass sie keine Furcht vor dem Jüngsten Gericht haben müssen:

Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer - wer immer an Gott glaubt und an den Jüngsten ag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein. (Qur'an 2: 62)

Den rechten Glauben und die Lebensordnung des Muslim offenbart sich im Qur'an. Der Muslim ist aufgefordert Zeugnis für seinen Glauben vor den Menschen abzulegen. Dieses Zeugnis ablegen bedeutet für bedingungslose Gerechtigkeit einzutreten:

O ihr, die ihr glaubt! Tretet für die Gerechtigkeit ein, wenn ihr vor Gott Zeugnis ablegt, und sei es gegen euch selber oder euere Eltern und Verwandten. Handele es sich um arm oder reich, Gott steht euch näher als beide. Und überlasst euch nicht der Leidenschaft, damit ihr nicht vom Recht abweicht. Wenn ihr (das Recht) verdreht oder euch (von ihm) abkehrt, siehe, Gott weiß, was ihr tut. (Qur'an 2: 135)

O ihr, die ihr glaubt! Steht in Gerechtigkeit fest, wenn ihr vor Gott bezeugt. Der Haß gegen (bestimmte) Leute verführe euch nicht zu Ungerechtigkeit. Seid gerecht, das entspricht mehr der Gottesfurcht. Und fürchtet Gott. Siehe, Gott kennt euer Tun. (Qur'an 5: 8)

Genau wie im Judentum ist im Islam Gerechtigkeit ein Verhaltensbegriff. Indem ein Muslim in seinem gesamten Verhalten gerecht ist, schlägt er den rechten Pfad ein. Dieser Pfad bezeichnet der Islam mit dem Begriff Scharia. In vorislamischer Zeit bedeutete Scharia ‚der Pfad zur Wasserquelle'. Die Wasserquelle ist in der Wüste essentiell, als islamische Terminologie suggeriert der Begriff, dass das Befolgen des islamischen Rechts für den Muslim ebenso essentiell ist."

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