Die Schia I
- Ein politischer Konflikt, der sich zu einem religiösen Konflikt entwickelte
„Die Wurzeln des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten finden sich noch zu Lebzeiten des Gesandten Gottes Muhammad. Als der Prophet 630 in Mekka einzog, erteilte er jenen Menschen, die ihn zwei Jahrzehnte lang verleumdet, beschimpft, verfolgt und bekämpft hatten, Amnestie. Er entließ sie in die Freiheit. Nach dem Stammesrecht wären die Quraisch seine Sklaven gewesen. Er zwang ihnen den Islam nicht auf. Nur eines forderte der Gesandte Gottes von ihnen, einen Eid, dass sie ihn niemals wieder bekämpfen würden. Die Quraisch traten daraufhin zum Islam über. Doch nicht alle waren von Muhammads Tat gerührt, nicht alle hatten ein Bekehrungserlebnis, sondern nicht wenige nahmen den Islam aus reinem Opportunismus an. Insbesondere für Angehörige des Stammes der Umayyaden, des führenden Stammes der Quraisch, war es eine Schmach sich dem Gesandten Gottes zu beugen, der aus dem Stamm der Haschemiten war. Seit jeher gab es zwischen beiden Stämmen eine Rivalität. Manche Umayyaden machten keinen Hehl daraus, dass sie trotz der Annahme des Islam die Religion und den Propheten verachteten. Abu Sufyan vom Stamm der Umayyaden, erbitterter Gegner des Gesandten Gottes, legte den Schwur den Propheten nicht mehr zu bekämpfen, als einer der letzten ab."
„Als der Gesandte Gottes 632 starb, hinterließ er keine Anweisungen, wer die umma nach ihm führen sollte. Sein Tod kam nicht plötzlich, er hätte also durchaus die Gelegenheit dazu gehabt. Ein Versäumnis des Gesandten Gottes? Aber vielleicht war die umma durch das Ableben des Gesandten Gottes mündig geworden und musste nun selbstständig Entscheidungen treffen. Unter den Muslimen kursierten verschiedene Vorstellungen, wie es weitergehen sollte. Einige plädierten dafür, dass der Kalif ein Quraisch sein müsse, andere hielten dem entgegen, dass jeder Muslim Kalif werden könne, wenn er durch Wahl von der umma legitimiert wird. Andere favorisierten, dass das Kalifat in der Familie des Propheten bleiben solle, andere votierten, dass die Medinenser mit dem Kalifat betraut werden sollten.Die Mehrheitsfraktion der Muslime setzte schließlich durch, dass der Kalif ein Quraisch sein solle, der per Wahl legitimiert wird. Nicht alle waren damit einverstanden."
„Die ersten beiden Kalifen Abu Bakr (gest. 634) und Umar ibn Al-Khattab (gest. 644) gehörten zu den engsten Vertrauten des Gesandten Gottes. Beide waren sich bewusst, dass die Umayyaden erpicht waren, ihre alte Macht wiederherzustellen. Aus diesem Grund - mit einigen Ausnahmen - hielten sie die Umayyaden von politischen Posten fern." Dort, wo sie ihnen diese gewährten, nutzten die Umayyaden dies zu ihrem eigenen Vorteil."
„Der dritte Kalif Uthman ibn Affan (gest. 656) brach mit der Politik seiner Vorgänger und war gewillt, eine Versöhnung zwischen den Umayyaden und dem Islam herbeizuführen, indem er sie mit einflussreichen politischen Posten beschenkte. Dies jedoch diskreditierte Uthman in den Augen vieler Muslime, die darin Vetternwirtschaft und Korruption sahen. Uthmans Kalifat fiel in eine schwierige Zeit. Die Erfolgsgeschichte der islamischen Expansion hatte nämlich auch eine Kehrseite. Die Muslime waren nicht vorbereitet, ein so großes Reich von Heute auf Morgen zu verwalten. Lokale Statthalter, weit entfernt von Medina, missbrauchten ihr Amt. Beduinen sahen sich plötzlich in einem administrativen System gefangen und vermissten ihre alte Freiheit. Die Vermittlung der islamischen Religion verlief äußerst schleppend, da es nur fünf Exemplare des Qur'an gab. Der Siegeszug des Islam wurde zunehmend zu einer Belastung für die umma und die Unzufriedenheit und der Zorn der Massen richteten sich gegen den Mann an der Spitze: Uthman ibn Affan. Erste Unruhen brachen in Kufa und Khurasan aus. Schließlich machten Unzufriedene aus Ägypten und dem Irak sich in Richtung Medina auf, wo sich all ihr Zorn entlud und der Kalif 656 in seinem eigenen Haus ermordet wurde."
„Das Reich war ohne Kalif. Eine gefährliche Situation. Eine Situation, der schleunigst ein Ende bereitet werden musste. Je größer die Kritik an Uthman wurde, desto mehr richteten sich die Hoffnungen der Muslime auf Ali ibn Abi Talib. Er gehörte zu den ersten Muslimen, war ein enger Vertrauter des Gesandten Gottes, war verheiratet mit dessen Tochter Fatima, die sechs Monate nach ihrem Vater verstarb (gest. 632), und galt als ebenso weise wie tapfer. Medinenser und Aufständige traten an ihn mit der Bitte heran, die umma als Kalif anzuführen. Eine schwierige Entscheidung. Das Kalifat abzulehnen, hätte möglicherweise ein Zusammenbruch des Reiches bedeutet. Es anzunehmen, hätte Ali von vornherein diskreditiert, da sich unter seinen Befürwortern auch die Mörder Uthmans befanden. Aliwägte ab und akzeptierte schließlich das Kalifat. Es sollte für ihn eine Bürde werden. Ali versprach eine gerechte Sozialpolitik, die sich an jener des Gesandten Gottes orientieren würde, sowie der Vetternwirtschaft, die unter Uthman grassiert hatte, ein Ende zu bereiten. In Damaskus meldete Mu'awiya sogleich Widerstand an. Er forderte Rache für Uthman und lehnte es ab, einen Kalifen zu folgen, der sich weigere, gegen die Mörder Uthmans vorzugehen. Damit brach der erste muslimische Bürgerkrieg aus (656-661), in dem Muslime gegen Muslime kämpfen sollten. Dabei ging es nicht um religiöse Fragen, sondern um eine rein politische Angelegenheit."
„Während dieses Bürgerkrieges standen sich vier Parteien gegenüber:
- Die Anhängerschaft Mu'awiyas, die die Interessen der Umayyaden vertraten.
- Die Anhänger Alis, die Schiat Ali.
- Die Kharidschiten, eine Splittergruppe aus der Gefolgschaft Alis, die sich von ihm abwendete.
- Eine politisch diffuse Gruppe, an deren Spitze die Witwe des Gesandten Gottes, Aischa (gest. 678), und die Prophetengefährten Talha bin Ubaidallah (gest. 656) und Zubair bin Al-Awwam (gest. 656) standen. Sie forderten Rache für Uthman und kritisierten Ali, dass er nicht gegen dessen Mörder vorgehe. Zugleich scheinen sie in Opposition zu Mu'awiya gestanden zu haben.
Während dieses Bürgerkrieges fanden drei zentrale Schlachten statt:
- Ende 656 kam es zwischen Ali und der Gruppe um Aischa, Talha bin Ubaidallah und Zubair bin Al-Awwam zur so genannten Kamelschlacht in der Nähe von Basra. Kamelschlacht deshalb, weil Aischa während der Schlacht auf einem Kamel saß und von dort aus Anweisungen erteilte. Alis Truppen siegten, Talha und Zubair fielen, Aischa wurde unter Bewachung nach Medina zurückgeschickt. Dies war das erste Mal, dass Muslime sich auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden, das erste Mal, dass Muslime einander töteten.
- Im Sommer 657 kam es zur Schlacht von Siffin. Hier stand Ali seinem größten Widersacher gegenüber, Mu'awiya ibn Abi Sufyan. Die Schlacht zog sich wochenlang hin, ohne dass eine Partei einen nennenswerten Vorteil erringen konnte. Zu einer überraschenden Wende kam es, als Mu'awiya Blätter mit Qur'anayat auf die Lanzen seiner Männer heften ließ, um damit anzudeuten, dass die Lösung des Konflikts nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Buche Gottes gesucht werden sollte. Ali wusste, dass dies seine Position schwächen würde, doch seine Männer favorisierten den Vorschlag der gegnerischen Seite und er musste schließlich widerwillig nachgeben. Jedoch waren nicht alle in Alis Heer damit einverstanden. Eine Gruppe von ca. drei- bis viertausend Soldaten wandte sich daraufhin von Ali ab. Sie bildeten die Partei der Kharidschiten.
- Fortan überzogen die Kharidschiten den Irak mit ihrem Terror und töteten jeden Muslim samt Familienanhang, der sich nicht zu ihnen bekannte. Somit musste Ali eine zweite Front eröffnen, die ihn davon abhielt, Mu'awiya weiter die Stirn zubieten. 658 kam es zum Kampf zwischen Alis Truppen und Verbänden der Kharidschiten bei Nahrawan. Wobei letztere militärisch besiegt wurden. Die Kharidschiten gingen daraufhin in den Untergrund. Einer ihrer Attentäter ermordete schließlich Ali 661 vor seiner Moschee in Kufa.
Um die Herausbildung der Schia zu verstehen, müssen wir einen Blick auf Alis Gefolgschaft werfen:
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Da waren zum einen jene, die ihn so sehr verehrten, dass sie gesagt haben sollen, dass sie Freund dessen sind, der ein Freund Alis ist und dass sie dem Feind sind, derein Feind Alis ist. Für sie war er der unfehlbare Imam. Woher schöpften sie dieses Vertrauen und diese Zuversicht? Hierzu muss man wissen, dass diese Anhänger Alis aus Süd-Arabien stammten, einem Gebiet, das seit jeher die Vorstellung göttlicher, halb-göttlicher oder von Gott geleiteten Königen kennt. Es ist durchaus möglich, dass diese Araber eine solche Vorstellung in Ali hineinprojiziert haben.
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Die andere Gruppe bestand aus Muslimen, die glaubten, dass die Ermordung Uthmans rechtens gewesen sei, weil er Stammesangehörige bevorzugt und sich somit an seinem Amt versündigt hätte. Diese Gruppe stammte größtenteils aus Nord-Arabien. In diesen Stämmen stand seit jeher das Gemeinwohl des Stammes an erster Stelle. Um dieses zu gewährleisten, musste der fähigste Mann, unabhängig seiner sozialen Stellung, den Stamm führen. Es kann sehr gut sein, dass diese Araber eine solche Vorstellung auf die umma übertragen haben.
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Aus der ersten Gruppe entstand die Schia, aus der zweiten die Kharidschiten. Beide Gruppen müssen in ihrem historischen Kontext gesehen werden. In einer Zeit der Unsicherheit und der Krise suchten die Muslime Halt. Unter den Anhängern Alis klammerten sich die einen an die Vorstellung eines unfehlbaren Imams, die anderen an eine göttlich inspirierte Gemeinde. Wie bereits erwähnt, forderte Mu'awiya, dass die Lösung des Konflikts im Qur'an gesucht werden solle, statt auf dem Schlachtfeld, wo Muslime einander töteten. Ein Schiedsgericht, zusammengesetzt aus den beiden Prophetengefährten Amr ibn Al-As und Abu Musa ibn Al-Asch'ari, sollte entscheiden, wessen Kalifatsanspruch legitim sei. Der Schiedsspruch fiel,wenn er denn gefällt wurde, undeutlich aus. Beide Seiten hielten weiterhin an ihrem Anspruch fest. Mu'awiya gelang es in der Folgezeit seinen Einfluss im islamischen Reich weiter auszubauen, sodass er sich 660 in Jerusalem zum Kalifen krönen ließ. Alis Machtbasen dagegen blieben beschränkt auf den Irak, hier insbesondere auf Bagdad, Basra und Kufa. Die Ermordung Alis durch einen kharidschitischen Attentäter beendete schließlich den ersten Bürgerkrieg im Islam."



