Die Schia II
- Ausbau der umayyadischen Macht
„Die Umayyaden begannen nun mit dem Ausbau, der Sicherung und der Zementierung ihrer politischen Macht. Ihre Abneigung gegen den Gesandten Gottes gaben sie dadurch Ausdruck, dass sie sich nicht mehr als Nachfolger des Propheten (khalifat rasulillah), sondern als Stellvertreter Gottes (khalifat Allah) bezeichneten. Die Vetternwirtschaft wurde weiter ausgebaut und arabische Muslime gegenüber nichtarabischen Muslimen bevorzugt. Statt dem islamischen Recht wurde wieder auf das arabische Gewohnheitsrecht zurückgegriffen. Statt sich am Gesandten Gottes zu orientieren, nahmen die Umayyaden sich die byzantischen und sasanidischen Herrscher zum Vorbild. Fortan wurde auf Geheiß Mu'awiyas von Freitag zu Freitag Ali ibn Abi Talib von der Minbar aus verflucht."
- Hasan ibn Ali verzichtet auf das Kalifat
„Ali ibn Abi Talib war Tod, doch die Schia bestand weiter fort. In Kufa, der Hochburg der Schiiten, hoffte man, dass Alis Sohn, Hasan ibn Ali, die Nachfolge seines Vaters antreten werde. Tatsächlich wurde er zum Kalifen ausgerufen, was Mu'awiya veranlasste mit einem Heer in den Irak einzumarschieren. Es kam zu Verhandlungen, an deren Ende Hasan seinen Kalifatsanspruch niederlegte."
- Die Tragödie von Kerbala
„Zur Sicherung der umayyadischen Macht wandelte Mu'awiya das Kalifat in eine Erbmonarchie um. 680 bestimmte er seinen Sohn Yazid (gest. 683) zu seinem Nachfolger. Husain bin Ali, der zweite Sohn Alis und Fatimas, verweigerte Yazid die Gefolgschaft. Boten aus Kufa suchten ihn auf, bedrängten ihn an die Spitze der Partei im Irak zu treten und die Umayyaden zu stürzen. Die Gelegenheit schien günstig. Husain begab sich noch im September 680, begleitet von einer kleinen Gefolgschaft von Getreuen und seiner Familie, nicht mehr als fünfzig Mann, heimlich auf den Weg in den Irak. Die Umayyaden erfuhren davon und instruierten ihre Statthalter gegen die Schia vorzugehen. Als Husain dies mitgeteilt wurde, befand er sich gerade in der Nähe des Euphrats. Was sollte er nun tun? Umkehren? Aber wohin? Nach Medina, wo ihn die Soldaten Yazids festnehmen würden? Er setzte seinen Weg fort. Es war ein Weg in den sicheren Tod. Streitkräfte der Umayyaden hinderten ihn daran, Kufa zu betreten und drängten ihn ab. Husain befand sich in Not, doch von der Schia erschien nicht ein Einziger. Am 2. Muharram lagerte Husains Trupp bei Kerbala. Am nächsten Tag standen sie 4.000 umayyadischen Soldaten gegenüber. Durch die umayyadischen Truppen vom Euphrat getrennt, mussten Husain und seine Gefolgschaft in den kommenden Tagen Durst leiden. Die Verhandlungen über eine Kapitulation scheiterten. Am 9. Muharram näherten sich die Umayyaden Husains Lager. Am Folgetag begannen die ersten Kämpfe und am Nachmittag erstürmten die umayyadischen Truppen das Lager, töteten Husain und fast alle seine männlichen Begleiter. Husains Kopf wurde nach Kufa gebracht, wo der dortige Statthalter mit Hilfe seines Stockes Husains Kopf die Zähne ausschlug. Dann brachte man das Haupt Husains zu Yazid, der den Kopf mit einem Tritt versah. Die gefangenen Frauen und der einzig überlebende Sohn Husains, Ali ibn Husain, wurden schließlich von Yazid nach Medina entlassen."



