Die Schia III
- Die Schia als religiöses Phänomen
„Der Tod Husains, die Zurschaustellung seines abgeschlagenen Kopfes, schockierte nicht nur die Schia, sondern darüber hinaus auch jene Muslime, die entschlossen hatten, die ahl al-bait (Die Angehörigen des Hauses) nicht zu unterstützen. Die Umayyaden hatten ihre Abscheu gegenüber dem Gesandten Gottes dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie dessen Enkel wie ein Tier abgeschlachtet hatten. Für die Schia wurde Husains Tod zum Synonym der betrogenen Menschheitshoffnung auf eine bessere Zukunft. Noch heute geschieht es, dass wenn man Schiiten auf den Tod Husains anspricht, sie zu weinen beginnen. Der Tod Husains wurde zum Gründungsmythos einer neuen Schia. War vormals der Konflikt zwischen den Umayyaden, den Schiiten, der Partei um Aischa und den Kharidschiten vor allem politischer Natur, wurde die Schia nun zu einem religiösen Phänomen. Vor Husains Tod hatte es eine schiitische Religiösität überhaupt nicht gegeben. Kerbala wird zum Dreh- und Angelpunkt des schiitischen Verständnisses von Islam und die Vergangenheit rückblickend neu gedeutet."
- Der schiitische Blick auf die Vergangenheit
„Auf einmal kursierte ein mündlicher Bericht (auch Sunniten ist dieser bekannt), der besagt, dass der Gesandte Gottes 632 bei der Rückkehr seiner Abschiedspilgerfahrt, auf dem Weg nach Medina, bei dem Teich von Khumm Halt gemacht haben soll. Der Gesandte Gottes soll seine Begleiter um sich versammelt und gesagt haben: „Allen, denen ich gebiete, soll auch Ali gebieten!" Für die Schiiten ist dieses Ereignis eine eindeutige Designation Alis zum Kalifen und Imam. Aufgrund dessen sind für Schiiten Abu Bakr, Umar ibn Al-Khattab und Uthman ibn Affan unrechtmäßige Kalifen gewesen, die der Anweisung des Gesandten Gottes zuwider gehandelt hätten. Für Schiiten hatte Ali 29 Jahre lang das Kalifat inne, jedoch sei er vierundzwanzig Jahre und sechs Monate davon abgehalten worden. Warum protestierte Ali nicht? Schiiten sehen Alis Schweigen als Teil von Gottes Willen an, die Gläubigen von den Heuchlern unterscheidbar zu machen. Hier wurzelt die Ablehnung und der Hass vieler Schiiten auf die Mehrheit der Prophetengefährten, da diese Ali nicht beigestanden hätten. Insbesondere der Haß auf Aischa rührt von der Kamelschlacht her, da sie es gewagt hatte, sich Ali entgegenzustellen und ihn für seine kommende Auseinandersetzung mit Mu'awiya schwächte.
Die Beerdigung Alis wird nun von Wundergeschichten begleitet. Es heißt, dass Ali von seinen Söhnen Hasan und Husain, sowie Getreuen auf einer Bahre hinaus in die Wüste getragen wurde. An der Stelle, wo Ali begraben wurde, soll eine Tafel gefunden worden sein, die die Inschrift trug: „Dies hat Noah für Ali ibn Abi Talib aufbewahrt."
Hasan wird als zweiter Imam angesehen, der nicht eines natürlichen Todes, sondern ebenfalls als Märtyrer starb, da er auf Anstiften Mu'awiyas von einer seiner Frauen vergiftet worden sein soll.
Husains Weigerung umzukehren, als er erfuhr, dass die umayyadischen Statthalter gegen die Schia vorgegangen wären, wird gedeutet als eine Vollendung des abrahamischen Opfers. Abrahams fast vollzogenes Opfer an seinem Sohn sei nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben und durch Husain vollbracht worden. Daher betrachtet die Schia den Tod Husains als Abschluss der islamischen Religion.
Die Mehrheit der Muslime teilte dieses Islamverständnis nicht. Aus dieser Ablehnung erwuchs die Konfession der Sunniten."
- Die Büßer
„Vier Jahre nach den Ereignissen in Kerbela versammelte sich eine kleine Gruppe von Schiiten, die sich tawwabun (Die Büßer) nannten, am Ort des Massakers. Gemeinsam trauerten sie, bereuten ihr Versagen Imam Husain nicht beigestanden zu haben. Hier klingt eine nachqur'anische vererbte Schuld an, die die Schiiten erst durch Fürsprache eines Imams am Jüngsten Gericht auslösen können. Büßen, so glaubten die Büßer, könnten sie nur durch ihren Tod. Sie marschierten weiter Richtung Syrien, in der Hoffnung auf ihrem Weg auf umayyadische Truppen zu stoßen, die sie töten würden. Auf diese Weise wollten sie beweisen, dass wenn sie 680 in Kerbela gewesen wären, sie ihr Blut für Husain vergossen hätten. Im Januar 685 wurden sie von umayyadischen Truppen gestoppt und umgebracht. Nur wenige entkamen dem Gemetzel. Die Entkommenen beklagten, dass sie ihr Versprechen nicht eingehalten hätten."
„Die Büßer stellen die Keimzelle der religiösen Schia dar. Alle wesentlichen Elemente des schiitischen Verständnisses von Islam sind in dieser Bewegung angelegt: Verfehlung, Reue, Buße, Strafe, sowie die Bereitschaft zum Selbstopfer und dem Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung. Damit begründeten die Büßer eine neue religiöse Tradition innerhalb des Islam. Die Opferbereitschaft der Schiiten wird in den Aschura-Bräuchen ritualisiert. Ein Ritual ist auf Wiederholbarkeit angelegt, es setzt voraus, dass man es überlebt. Es ist also ein Ersatzritual, dass von Schuld befreit."



