Die Schia IV
- Die erste Spaltung der Schia: Die Zaiditen
„Sowohl der vierte Imam der Schia, Ali ibn Hussain (gest. ca. 713), als auch der fünfte Imam Muhammad Al-Baqir (gest. 733) blieben historisch gesehen eine Randnotiz. Beide sollen nach schiitischem Glauben von den umayyadischen Kalifen vergiftet worden sein. Der Halbbruder des fünften Imam, Zaid, wagte 739/740 in Kufa einen Aufstand, der jedoch niedergeschlagen wurde und bei dem er den Tod fand. Mit seinem Tod findet die erste Spaltung der Schia statt. Eine Schia-Untergruppe, die Zaiditen, betrachten Zaid als einen Imam. Nach dem Tod Zaids endet für sie die Imamatreihe. Fortan kann aus ihrer Sicht jeder Muslim aus der Familie des Gesandten Gottes die umma führen."
- Die zweite Spaltung der Schia
„Das Religionsverständnis der Schia, das auf der männlichen Nachkommenschaft des Imam Ali basiert, wurde strukturell stets dann ein Problem, wenn ein Imam keinen männlichen Nachfolger besaß oder er mehrere Söhne hatte. Der Tod des sechsten Imam Dscha'far Al-Sadiq (gest. 765), Begründer des schiitischen Rechts und der nach ihm benannten dscha'faritischen Rechtsschule, stürzte die Schia in eine tiefe Krise. Dscha'fars Sohn, Ismail, der die Nachfolge seines Vaters hätte antreten sollen, war vor seinem Vater gestorben und der zweite Sohn des sechsten Imams, Abdallah, starb wenige Monate nach dem Tod seines Vaters. Als Folge zerfiel die Schia in mehrere Gruppen. In dieser Krise tauchte zum ersten Mal die Vorstellung der Verborgenheit auf. Einige Schiiten vertraten die Auffassung, dass Dscha'far Al-Sadiq gar nicht Tod sei, sondern in die Verborgenheit (al-ghaib) entrückt ist, von der aus er eines Tages wieder zurückkommen würde. Zu diesem Zeitpunkt konnte sich diese Vorstellung jedoch nicht durchsetzen und so bestimmte man Musa, einen weiteren Sohn des sechsten Imams, zu dessen Nachfolger.
Nicht alle Schiiten waren damit einverstanden. Dscha'far war ein Imam und somit nach schiitischem Verständnis unfehlbar. Daher war es unmöglich, dass er sich in Bezug auf Ismail geirrt hatte. Deshalb hielt eine Schia-Gruppierung an dem Glauben fest, dass Ismail der rechtmäßige Imam sei, der in die Verborgenheit entrückt ist. Diese Schiiten nennt man siebener Schiiten oder Ismailiten."
- Die dritte Spaltung der Schia
„Mit dem Sturz der Umayyaden 750 durch die Abbasiden änderte sich wenig für die Schiiten. Imam Musa Al-Kazim (der Zurückhaltende) (gest. 799), sein Nachfolger Imam Ali Al-Rida (der Wohlgefällige) (gest.818), der neunte Imam Muhammad Al-Dschawad (der Freigiebige) (gest. 835), wie auch der zehnte Imam Ali Al-Hadi (der Rechtleitende) (gest. 868) blieben Fußnoten in den Geschichtsbüchern der Muslime. Aus Sicht der Schiiten wurden sie alle von den abbasidischen Kalifen vergiftet.
Auch der elfte Imam, Imam Al-Hasan Al-Askari (der im Heerlager lebende) (gest.873), wäre historisch gesehen eine Randnotiz geblieben, wenn sein Tod, die Schia nicht in ihre zweite große Krise gestürzt hätte, denn er starb ohne einen männlichen Nachkommen hinterlassen zu haben. Die Schia zerfiel erneut in mehrere Gruppen, die über das weitere Fortbestehen der Schia miteinander stritten. Die Schiiten bezeichnen dies als Periode der Verwirrung. In dieser Krise wurde von einigen Schiiten auf die Vorstellung der Verborgenheit zurückgegriffen. Es ging das Gerücht um, dass der elfte Imam einen Sohn namens Muhammad gehabt haben soll. Da der Imam um das Leben seines Sohnes gefürchtet habe, hätte er ihn vor den abbasidischen Kalifen versteckt. Zwei Jahrhunderte dauerte es, bis sich diese Vorstellung innerhalb der Schia durchsetzen konnte. Schiiten glauben demnach, dass der zwölfte Imam, Muhammad Al-Mahdi (der Rechtgeleitete) als Kind in die Verborgenheit entrückt ist und eines Tages zurückkehren wird, um der Welt Gerechtigkeit zu bringen. Auf diese Weise löste sich auch das strukturelle Problem der Schia. Schiiten, die an alle zwölf Imame glauben, bezeichnet man als Zwölfer-Schiiten."



