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Extremismus

  • Die Neo-Kharidschiten

„Diese neue Strömung, die ich als Neo-Kharidschiten bezeichne, baut ihren imaginären Islam auf Versatzstücken aus dem Qur'an, einer Kritik am Westen, wie auch an der muslimischen umma und einem Märtyrerkult auf. Diesem Amalgam wird dann noch etwas Neues beigemischt. Ein deutschsprachiger Muslim, der heute in den Reihen der Taliban kämpft, hat diese neue Geisteshaltung in einem Satz präzise auf den Punkt gebracht: „Wir sind nicht gekommen, um zu siegen, sondern um getötet zu werden." Dieser Extremismus stellt keine Forderungen, veröffentlicht keine Manifeste, alles, was wir über seine Weltanschauung aussagen können, ist, dass er sich in einem permanenten Krieg gegen die Welt befindet. Im Krieg gegen alle Nichtmuslime und alle Muslime, die sich ihnen in den Weg stellen. Dieser Krieg wird in keinem Sinne militärisch durchdacht oder strategisch ausgefochten, sondern die gesamte Welt wird als Front betrachtet, mit dem Ziel möglichst viele Menschen zu töten. Al-Qaida ist längst keine Organisation mehr, sondern ein Gedanke, eine Philosophie. Die Neo-Kharidschiten verfolgen eine Philosophie der Zerstörung. Diese Philosophie steht diametral zu den Werten des Qur'an:

  1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das menschliche Leben gilt im Islam als Heilig.
  2. In der Verachtung des menschlichen Lebens - des eigenen und das anderer - gleichen diese Extremisten Iblis. Sie haben sich für das Böse entschieden und ihre Philosophie entspringt dem Bösen an sich.
  3. Die Extremisten haben keine Botschaft für die Zukunft. Auch dies zeigt, wie sehr sie im Bösen verwurzelt sind, denn das Böse ist sinnleer.
  4. Die Extremisten gleichen Iblis in ihrer Überhöhung gegenüber anderen Menschen. Mit ihrer Entscheidung, wer von uns Leben darf und wer von uns sterben muss, maßen sie sich eine gottgleiche Macht an. Einzig und allein Gott entscheidet im Islam über Leben und Tod. Mit ihrer feuerwerkartigen Selbstinzenierung feiern sie ihre scheinbare Macht über Leben und Tod, genießen unsere Angst und finden Erregung an ihrem perfidem Macht- und Blutrausch.
  5. Die Philosophie der Zerstörung entspricht nicht dem Auftrag des Islam, dass der Mensch auf Erden Zivilisation schaffen soll.
In der Selbstzerstörung und der Zerstörung des Anderen erfolgt im Denken des Extremisten eine Reinigung der Welt. Durch die Auslöschung des Selbst und der Anderen erfolgt das Nichtssein und somit die eigene Erlösung. Doch der Gedanke einer Selbstvernichtung, um auf diese Weise Erlösung zu erfahren ist dem Islam fremd. Das Menschenbild des Islam sieht in dem Menschen einen Erbauer von Zivilisation, einen Bewahrer und Nutzer der Schöpfung, einen Sachwalter Gottes. Dieser Extremismus, der heute im Namen des Islam auftritt, sich auf den Islam beruft und seine Taten im Namen des Islam legitimiert, entspricht nicht jener geistigen Revolution, die der Islam im 7. Jahrhundert ausgelöst hat, sondern knüpft an das Denken der Kharidschiten an. Der Islam der Neo-Kharidschiten ist ein imaginärer, ein selbst gebastelter Islam, der klar ein nihilistisches Wesen aufweist. Das Ziel dieses nihilistischen Extremismus ist das Nichtssein, um auf diese Weise Erlösung in Gott zu erfahren. Zerstörung gibt für sie einen Sinn, Zerstörung ist für sie sinnstiftend."

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