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Die Glaubensvorstellungen der Schiiten

  • Die fünf theologischen Grundprinzipien der Schia
„1. imama (Imamat)
Nach schiitischem Glauben sind der Prophet Muhammad, dessen Tochter Fatima und die Imame in religiöser Hinsicht unfehlbar und sündenlos. Aufgrund dieser beiden Eigenschaften sind diese auch nicht wie der Rest der Menschen aus Staub erschaffen worden, sondern aus Licht.
Die Aufgabe des Imams ist es, die Botschaft der Propheten den Menschen zu übersetzen und zu erklären. Darüber hinaus verfügen die Imame über ein Geheimwissen, dass von Imam zu Imam weiter gereicht wird. Die Schiiten vertreten die Auffassung, dass die Offenbarung über eine explizite Botschaft (zahir), die jeder Muslim erfassen könne, und eine verborgene Botschaft (batin), die nur der Imam entschlüsseln kann, verfügt. Dieses Verständnis war für die Schia von Vorteil, denn es ist unbestreitbar, dass im gesamten Qur'an explizit nichts über das Imamat erwähnt wird. Durch das Konzept einer verborgenen Botschaft innerhalb des Qur'an waren die Schiiten somit in der Lage, ihren Bezug zum Gesandten Gottes mit Hilfe der Offenbarung zu untermauern. Dies stellte für die Schiiten die einzige Möglichkeit dar, sich in Bezug zur Ursprungsgemeinde zu setzen. Unbestreitbar hat die Familie des Propheten mit dem vierten Imam diese Vorstellung selber übernommen.
Verbunden mit dem Imamat geht einher die Ablehnung der ersten drei Kalifen, wie einer großen Anzahl von Prophetengefährten. Mitunter werden sie von Schiiten verflucht und beschimpft.
Die Ablehnung vieler Prophetengefährten, sowie der Glaube an das Imamat hatten zur Folge, dass Schiiten gänzlich eigene Hadithsammlungen besitzen, die sich von den Sunniten hinsichtlich der Überlieferer unterscheiden. Neben den Aussprüchen des Gesandten Gottes werden gleichberechtigt dazu, auch die Aussprüche der Imame festgehalten. Diese Sammlungen ergeben die sunna schiitischer Prägung.
Die Hadithsammlungen der Schiiten bilden die Grundlage für die schiitische Auffassung der Scharia, was Unterschiede zur sunnitischen Praxis zur Folge hat.
Dem zwölften Imam, der nach schiitischer Auffassung als Kind in die Verborgenheit entrückt ist, kommt die Aufgabe zu, am Ende der Zeit wiederzukehren und als Mahdi (der Rechtgeleitete) allen politischen und konfessionellen Spaltungen des Islam ein Ende zu bereiten und den reinen ursprünglichen Islam wiederherzustellen. Schiiten verharren somit in messianischer Erwartung auf ihren Erlöser. In manchen schiitischen Städten im Mittelalter wurde jeden Tag ein gesatteltes Pferd bereitgehalten, damit der Imam bei seinem Auftauchen ohne Verzögerung aufsetzen konnte. Sunniten kennen ebenfalls die Vorstellungen eines Mahdi, jedoch ist er bei ihnen nicht zentral und nicht verbunden mit der Vorstellung, dass der zwölfte Imam der Mahdi ist. Im Qur'an selber findet sich nichts über den Mahdi. Beide Konfessionen können sich nur auf Hadithe stützen. Diese Hadithe kamen während des ersten Bürgerkrieges der Muslime auf und waren Ausdruck der Hoffnung der damaligen Muslime auf bessere Zeiten, da sie mit ansehen mussten, wie die umma zerbrach.
Für Schiiten ist der zwölfte Imam, auch wenn er abwesend ist, das einzig legitime Oberhaupt der Muslime.

2. adala (Gerechtigkeit)
Die Gerechtigkeit Gottes ist wesentlich im Gottesverständnis der Schia. Gottes Gerechtigkeit zeige sich daran, dass er zu keinem Zeitpunkt die Menschen ohne Führung, ohne Propheten und ohne Imame belassen habe.

3. tauhid (Einzigkeit Gottes)
Das Gottesbild der Schiiten wie der Sunniten ist geprägt durch die Einzigkeit Gottes, die wie folgt im Qur'an ausgedrückt wird:

Sprich: „Er ist der Eine Gott, Gott der Absolute. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und es gibt keinen der Ihm gleicht. (112: 1-4)

4. nubuwwa (Prophetentum)
Ebenso wie die Sunniten, glauben die Schiiten an die Propheten, von denen der Qur'an berichtet, und an das Siegel der Propheten, Muhammad.

5. ma'ad (Auferstehung)
Sunniten und Schiiten vertreten die Auffassung, dass der Mensch am Jüngsten Tag für sein Handeln Rechenschaft ablegen muss. Bei Schiiten kommt die Vorstellung hinzu, dass erst am Jüngsten Tag durch die Fürsprache der Imame und Fatimas, sie von dem Urversagen der Schia, Imam Husain in Kerbela beizustehen, befreit werden. Hier liegt auch die Ursache dafür, dass die Gräber der Imame zu Pilgerfahrtsstätten geworden sind."

  • Das Aschura-Ritual
„Die Muharram-Rituale während der ersten 10 Tage des islamischen Monats Muharram dienen der Vergegenwärtigung des Martyriums des Imam Husain. Die Trauer der Büßer und ihre Bereitschaft zum Selbstopfer werden hier ritualisiert, wodurch der Schiit die Möglichkeit hat, Buße für das Urversagen der Schia zu leisten. Somit sind die Muharram-Rituale eigentlicher Kern der schiitischen Religiösität und Identität.
An jedem Tag der ersten zehn Tage des Muharram wird ein überlieferter Ablauf der Geschehnisse in Kerbela in Form von Rezitationen, Klageliedern, Umzügen und Passionsspielen vergegenwärtigt. Veranstalter des Muharram sind seit dem Mittelalter Gruppen des städtischen Handwerks und des Bazars, die in Vereinen und Bruderschaften organisiert sind. Am 9. und 10. Muharram wird der Tod von Imam Husain behandelt. Dazu treten Schwertschläger auf. Sie sind in weißen Totenhemden gekleidet, die symbolisch die Bereitschaft ausdrücken, dass wenn sie da gewesen wären, sie für Imam Husain in den Tod gegangen wären. Als Beweis schlagen sie sich mittels ihrer Kurzschwerter und Langdolche die Stirn blutig.
Interessanterweise nehmen schiitische Gelehrte an der Geißelung nicht teil, sondern begegnen diesem Ritual mit tiefer Skepsis. Mehrere Rechtsgutachten sind gegen die Selbstgeißelung ergangen, in denen sie sogar als bid'a (Häresie, Neuerung) verurteilt wurde. Dennoch ist dieses Ritual für den Schiit von immenser Bedeutung, da nur der Tod seine Schuld auslöschen kann. Dadurch, dass das Selbstopfer ritualisiert wurde und damit wiederholbar ist, da nun überlebbar, vergisst der Schiit etwas von seinem Blut, um somit einen Teil seiner Schuld zu büßen."

 

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