Islamische Ökumene
- Nachdenken über einen innerislamischen Dialog
„Es gibt keinen Zweifel daran: Die eine Welt ist im Entstehen. Die Menschen wirtschaften gemeinsam und kommunizieren miteinander. Die Menschen sind näher aneinander gerückt. Aber noch ist es fraglich, ob das Kommen der einen Welt unseren Lebenswert steigern wird oder ob alles auf einem Schlachtfeld enden wird. In einer globalisierten Welt müssen wir Muslime uns fragen, ob wir im 21. Jahrhundert angekommen sind, oder ob wir geistig und emotional uns noch im Mittelalter befinden. Die Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten ist durch nichts zu legitimieren. Es heißt in der Offenbarung:
Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels angeordnet, dass wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, wie einer sein soll, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer ein Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten. (...) (5: 32)
Sunniten und Schiiten stimmen in den zentralen Glaubenspunkten überein. Beide glauben sie an den einen Gott und haben sich somit der Fraglichkeit der Welt gestellt. Es heißt im Qur'an:
Siehe, Gott vergibt nicht, dass man Ihm Götter beigesellt, doch verzeiht Er, im Übrigen, wem Er will. Wer Gott Götter beigesellt, hat eine gewaltige Sünde ersonnen. (4: 48)
Beide glauben sie an die Offenbarungen, an die Propheten und an den Jüngsten Tag. Es heißt in der Schrift über die Gläubigen:
Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Alle glauben an Gott und Seine Engel und Seine Schriften und Seine Gesandten und machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten. Und sie sprechen: „Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Herr! Und zu Dir ist die Heimkehr!" (2: 285)
Wie können wir uns aufgrund von zweitrangigen Fragen gegenseitig töten? Damit beweisen wir, dass wir in einen religiösen Chauvinismus gefallen sind. Verbunden fühlen wir uns nur noch mit den Muslimen aus unserer Konfession, während alle anderen mit Argwohn betrachtet werden. Der Andere wird als nicht vollwertiges menschliches Wesen empfunden, was schließlich Hemmschwellen senkt und Tötung legitimiert. Der Qur'an hat die Muslime davor gewarnt sich zu spalten, aber noch mehr hat er sie vor religiösen Chauvinismus gewarnt.
Wendet euch Ihm zu und fürchtet Ihn und verrichtet das Gebet und seid nicht unter denen, die Ihm Gefährten zur Seite setzen, unter denen, die ihre Religion aufgespalten haben und so in Sekten zerfielen, wobei sich jede Partei ihrer eigenen Doktrin erfreut. (30: 31-32)
Meines Erachtens ist religiöser Chauvinismus eine sehr gefährliche Entwicklung. Wenn wir es nicht lernen, als der eine Mensch in der einen Welt zu leben, wird dieser religiöse Chauvinismus die Gefahr heraufbeschwören, dass der Mensch sich selbst zerstört. Deswegen müssen wir uns wieder auf das Humanum in unserer Religion konzentrieren. Das Humanum des Islam zeigt sich anhand der allegorischen Geschichte des ersten Menschen Adam. Indem Gott Adam erschuf, wird erstens die Gleichheit des Menschen postuliert und zweitens drückt sich darin aus, dass wer ein Leben rettet, dem gleicht, der die ganze Menschheit gerettet hat und der, der ein Leben auslöscht, dem gleicht, der die gesamte Menschheit ausgelöscht hat. Das Humanum des Islam zeigt sich auch in dem Gebot der Nächstenliebe:
Dies ist es, was Gott Seinen Dienern verheißt, die glauben und das Rechte tun. Sprich: „Ich verlange keinen Lohn von euch. Aber liebt dafür (euere) Nächsten." Wer eine gute Tat begeht, dem werden Wir gewiß noch mehr an Gutem erweisen. Gott ist fürwahr verzeihend und erkenntlich. (Qur'an 42: 23)
Sprich: „O ihr Menschen! Seht, ich bin für alle von euch ein Gesandter Gottes, Dessen das Reich der Himmel und der Erde ist. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Er macht lebendig und lässt sterben. Darum glaubt an Gott und Seinem Gesandten, dem Propheten, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, und an Seine Worte und folgt ihm, damit ihr rechtgeleitet seid." (7: 158)



