Der Niedergang der muslimischen Welt
- Der intellektuelle Niedergang der muslimischen Welt
„Die Zerstörung der beiden Geisteszentren der muslimischen Welt im 13. Jahrhundert - Cordoba 1236 im Zuge der Reconquista und Bagdad 1258 durch die Mongolen - markierte den Beginn des Niedergangs der muslimischen Welt. Es wäre allerdings falsch, primär militärische, politische oder ökonomische Gründe für diesen Niedergang verantwortlich zu machen. Vielmehr muss die intellektuelle Tiefendimension berücksichtigt werden, die diesen sekundären Faktoren zugrunde liegt, denn Reformen und technische Innovationen benötigen eine Kultur der intellektuellen Neugierde.
Der Mongolensturm hatte die Zerstörung ganzer Städte und ländlicher Gebiete, inklusive massiver Bevölkerungsverluste und Versorgungsengpässe zur Folge. Mit dem Eindringen eines Stroms türkischer und turk-mongolischer Nomaden veränderte sich nicht nur die Demographie, sondern die ‚Fremden' importierten auch ihre nomadische Kultur in den muslimischen Raum. Weite landwirtschaftliche Nutzflächen wurden in Weideland umgewandelt und zahlreiche Bauern sahen sich gezwungen in eine halbnomadische Existenz zu flüchten. Die Ermordung des abbasidischen Kalifen Al-Mustaqim 1258 war für die Muslime ein politisches Erdbeben. Obwohl die Kalifen seit geraumer Zeit nur mehr ein Schattendasein führten, war der Kalif doch Symbolfigur der muslimischen Herrschaft, die sich der Gunst Gottes erfreuen durfte. Auf Zeitgenossen muss dieses Ereignis verstörend gewirkt haben, so dass die Frage nach dem Grund im Raum stand, vor allem, da der Mongolensturm auch den islamischen Westen zwischen Ägypten und dem Maghreb zu verschlingen drohte. Ein solches politisches Klima war der ideale Nährboden für Kollaboration, Zersetzung und Aufruhr. Doch füllten die Rechtsgelehrten das symbolische Vakuum aus, das mit dem Tod des Kalifen eingetreten war und gaben eine Antwort auf das ‚Warum' und den Gläubigen ein Ziel, auf dass sie hinarbeiten und ihre Hoffnungen richten sollten.
Die plötzlich empfundene Machtlosigkeit, die ganz im Gegensatz zu der Aussage des Quran: Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. (Sura 3 / Aya 110) stand, konnte sich der Großteil der Gelehrten nur als Strafe Gottes dafür erklären, dass man sich vom Pfad des Islam entfernt hatte. Hoffnung und Rettung konnte daher nur eine Rückkehr zu einem wahrhaft gelebten Islam sein. Dazu müsse der Muslim nur den früheren Generationen folgen, die bereits alles Wissenswerte gewusst hätten, da sie der Zeit des Gesandten Gottes Muhammad (s) zeitlich näher waren. Die Gelehrten orientierten sich daher zunehmend an der Vergangenheit. Sie wurde zum Vorbild emporgehoben, zum Goldenen Zeitalter, das nicht in Frage zustellen war, sondern wiederhergestellt werden musste. Ein solcher Kulturpessimismus offenbart die Vorstellung, dass die Zukunft nichts Gutes bringen kann und die Menschheit sich seit dem Tod des Gesandten Gottes (s) in einem unaufhaltsamen Niedergang befindet, dem nur durch das Festhalten an der Vergangenheit Einhalt geboten werden kann.
Dieses Geschichtsbild mag der muslimischen Welt für einen Moment die verlorene Stabilität zurückgegeben haben, doch gleichzeitig bedeutete es einen geistigen Stillstand. Das Forschen und Denken wurde zugunsten der Aufbereitung und Memorierung des bereits Gewussten aufgegeben. Diese Nachahmung und Kopierung der Vergangenheit, die man als taqlêd bezeichnet, wurde sogar zu einem Glaubensartikel erhoben, den jeder Muslim kennen müsse. Doch nicht alle Gelehrten schlossen sich diesem Dogma an, was zur Folge hatte, dass sie von ihren Gegnern als Apostaten gebrandmarkt wurden. Bis in das 16. Jahrhundert lassen sich Gelehrte finden, die für sich in Anspruch nahmen ijtihad zu betreiben. Ijtihad ist ein Mittel zur Gewinnung neuen Rechts, gemäß dem Fall, dass sich für ein juristisches Problem weder im Quran noch in der sunna noch durch qiyas eine Lösung findet. Ijtihad fordert vom Juristen, dass er sich geistig absolut verausgaben muss „bei der Suche nach einer Meinung zu einer beliebigen Rechtsnorm und zwar in der Weise, dass der Einzelne (in sich) die Unfähigkeit spürt, weitergehende Anstrengungen zu unternehmen". Nurullah sieht im ijtihad ein wichtiges ‚Werkzeug' für das kritische und kreative Denken im Islam, das sich nicht nur auf die Rechtswissenschaft begrenzen lässt. Doch nach dem 16. Jahrhundert verstummten diese Rufe. Der Stillstand im Denken beschränkte sich nicht nur auf die Rechtswissenschaft, sondern griff von der muslimischen Königsdisziplin aus auf alle anderen Bereiche der muslimischen Zivilisation über.
Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi resümiert:
„In der Tat war Ibn Khaldun (...) der letzte große Denker im Islam. Bis zur Begegnung mit der Moderne, gleichermaßen im militärischen und kolonialen Rahmen, waren die Osmanen fast ausschließlich mit ihren militärischen Eroberungen beschäftigt. Fünf Jahrhunderte lang gab es keinen nennenswerten Denker im Islam."
Hans Küng verdeutlicht diese Katastrophe des muslimischen Denkens, wenn er schreibt:
„Damals schon [im 13. Jahrhundert] wurde im Islam eine neue Freiheit des Denkens und Handelns, eine Kreativität des Gestaltens und Lebens verunmöglicht, damals schon die Dynamik der islamischen Kultur, Wissenschaft und Technik gebremst, die ‚Geburt der Intellektuellen' verhindert und um viele Jahrhunderte hinausgeschoben. (...) Es war wesentlich eine Austrocknung von innen und der Sieg einer vernunft- und freiheitsfeindlichen Orthodoxie über Philosophie und Theologie, die am Vorabend der europäischen Renaissance die Entwicklung einer modernen Wissenschaft und Technik im Bereich des Islam grundlegend blockierte. Wo Universitäten und Lehrveranstaltungen ganz von einer festgefahrenen Rechts- und Traditionswissenschaft beherrscht werden, kann keine Freude an geistiger Auseinandersetzung aufkommen. Wo Denker nicht geistig atmen können, werden sie keine neuen Ideen, keine wissenschaftlichen Innovationen, technischen Erfindungen und sozialen Initiativen entwickeln. Wo keine Selbstkritik erlaubt ist, bleibt man auf das Bestehende fixiert, widersteht man aller Aufklärung."
Dieser Trend zur Wissensabstinenz wurde noch verstärkt durch das Dogma der bidaa (Neuerung), das ab dem 13. Jahrhundert ein neues Gewicht erhielt und bis heute lebendig ist. In ihrer ursprünglichen Form verbot es Neuerungen hinsichtlich der muslimischen Glaubensinhalte und des Gottesdienstes. Ab dem 13. Jahrhundert jedoch definierte man bidaa in einem viel weiter gefassten Rahmen. Alles was sich nicht auf den Quran oder die sunna zurückführen lässt, gilt es abzulehnen. Die Befürchtung, dass neues Wissen, gewonnen durch Forschung und Philosophie, die umma erneut vom rechten Pfad abringen und eine erneute Katastrophe herbeiführen wird, schuf bei vielen Gelehrten eine Wissens- und Philosophiefeindlichkeit.
Das Ergebnis dieses Widerwillens sich geistig zu betätigen war, dass die muslimische Welt entscheidende Gegenwartsentwicklungen verpasste und sich jeder Reform entzog. Smail Balic bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt, dass die Muslime versuchten nach vorgefertigten Schablonen zu leben, die längst ihre Gültigkeit verloren hatten."



