Presse
MUSLIM - The Next Generation
Das westliche Vermächtnis

„Betrachten Sie sich einmal eine Karte des Irak und vergleichen Sie diese mit einer Karte von Deutschland. Nun blicken Sie bitte auf Syrien und die Nordgrenze Saudi-Arabiens [...], auf Ägypten, Libyen, Algerien, Mauretanien und Sie werden aus dem Staunen nicht herauskommen. Verglichen mit unserem Deutschland scheinen die Landesgrenzen geradezu mit Bleistift und Lineal gezogen worden zu sein. Es scheint nicht nur so, es ist auch so.“
Mit diesen Worten stimmt der Autor Muhammad Sameer Murtaza in seinem Vorwort zur mittlerweile vierten Auflage den Leser auf sein Werk „Lawrence von Arabien und die Neugestaltung des Nahen Ostens“ ein. Schnell wird klar: Dieses Buch handelt nicht nur einfach von der Biographie einer berühmten geschichtlichen Person, sondern auch zugleich von den Ursprüngen des heutigen Nahostkonfliktes.
T.E. Lawrence! Im Westen zum Idol geformt und gefeiert als „Lawrence von Arabien“. Murtaza zeichnet jedoch in seinem Buch auch die tragische Seite von ihm ab. Als uneheliches Kind hatte er in der Ständegesellschaft Großbritanniens keine Aussicht auf Erfolg, selbst als patriotischer Brite nicht. Sein Interesse an mittelalterlichen Burgen führt ihn dann 1909 nach Arabien um dort eine Studienreise zu vollziehen. Für die britische Regierung diente er jedoch immer mehr als Spion. Lawrence Bewunderung für die arabische Lebensweise und Umgangsart hält ihn dennoch nicht auf, die dortige Bevölkerung wie eine Schachfigur für die Machtpläne Großbritanniens zu behandeln. Geschickte und kalkulierte Anfreundungen mit den Führern und die jeweilige Unterstützung durch britische Gelder machen ihn zu einer Schlüsselfigur beim arabischen Aufstand. Unabhängigkeit und Freiheit für die Araber, wenn sie sich vom Osmanischen Reich trennen würden. Das sind die Zusicherungen, die Lawrence gibt, trotz seines Wissens, dass sie wohl nie absolute Freiheit zugesprochen bekämen.
Denn Arabien wird durch das Sykes-Picot-Abkommen in Besatzungszonen von Franzosen und Briten aufgeteilt. Ein kleines Territorium bleibt international, welches der Zionistenbewegung geradezu in die Hände fällt und zu einem der lang andauernsten blutigen Konflikte der Weltgeschichte führt. Gegen Ende seiner Zeit in Arabien beginnt auch Lawrence das kaum vorstellbare Ausmaß seines Verrats zu erkennen. Seither plagt ihn eine tiefe Schuld. Spätere Versuche, das Geschehene zurechtzubiegen, scheitern. „[Die Zeit,] als der Orient noch biegsam genug war, [ist] vorbei. [...] Das Metall war nun erkältet und der Guss misslungen.“ Statt ein genügsames Leben in seiner Heimat zu führen, bevorzugt T.E. Lawrence lieber sich selbst zu bestrafen und dient als einfacher Soldat unter falschem Namen, anstatt sich als Held in seinem Vaterland feiern zu lassen.
Murtaza will es jedoch nicht bei der Rekonstruktion des Geschehenen belassen. Im Anschluss führt der Autor noch eine Debatte zur neuen Friedenspolitik an. In ihr verdeutlicht er vor allem potentielle Risikofaktoren für zukünftige Kriege, wie z.B. der Rohstoffmangel. Ein gemeinsamer Weltethos müsse gefunden werden, so Murtaza. Ohne den wird unmoralisches Verhalten als machtpolitisches Instrument weiterhin an der Tagesordnung stehen und Spuren wie den Nahostkonflikt würden auf der ganzen Welt hinterlassen werden.
Dieses Buch zu „Lawrence von Arabien“ ist kein Gewöhnliches. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit dem Vergangenen befasst es sich auch mit den notwendigen Konsequenzen für die Zukunft. Es weist auf die Notwendigkeit der kritischen Betrachtung der internationalen Politik hin und versucht zugleich ein bisschen mehr den Ursprung des Nahostkonflikts zu erklären. Hin und wieder wünschte man sich vielleicht etwas mehr Kommentare seitens des Autors neben den etlichen Zitaten, die zu Lawrence angebracht werden. Doch ist es vielleicht gerade das, was von Nöten ist, um eine gewisse Objektivität zu bewahren und die Tragik einer einzelnen Person und gleichzeitig eines ganzen Volkes darstellen zu können.
Gazelle
Islam im Krankenhaus
VON: NOHMA EL-HAJJ
Herr Murtaza, wie sieht die Themenauswahl im Unterricht aus? Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?
Schwerpunkt für mich war eigentlich, dass interkulturelle Kompetenz über den Beruf hinaus gehen muss. Wir haben nicht nur in unserem Berufsfeld mit Menschen anderen Glaubens zu tun, sondern auch darüber hinaus im Alltag und wir haben bestimmte Stereotype von dem anderen und es war für mich wichtig, diese Stereotype aufzubrechen. Dass die Leute nicht mehr die Muslime als Kollektiv sehen, sondern verstehen, dass der Muslim als Individuum wahrgenommen werden muss.
Wie wurde das Seminar aufgebaut?
Am Anfang wird sehr stark darauf gezielt, zu zeigen: Muslime sind ganz normale Individuen, die ganz unterschiedlich sind. Angefangen von den verschiedenen muslimischen Konfessionen, was schon zeigt: Den "Islam" als Monolit gibt es nicht. Wir haben säkulare Muslime, orthodoxe Muslime, nichtpraktizierende und praktizierende Muslime. Für die eine Frau ist das Kopftuch essenziell für die andere Frau nicht. Aber sie ist genau so gläubig, wie die Frau, die ein Kopftuch trägt. Wir haben also ein Mosaik von Muslimen und wenn wir das verstehen würden, dann würden wir aufhören, die Muslime zu stigmatisieren und zu reduzieren auf ihre Religion, sondern als Individuen und auch als Personen wahrzunehmen.
Was heißt das aber jetzt für die Praxis der Krankenschwester? Was genau nimmt sie mit?
Am Anfang sage ich zu den Leuten: "Heute wollen wir mal nicht politisch korrekt sein. Sagt was ihr denkt und habt auch keine Rücksicht darauf, dass der Referent hier Muslim ist." Ich bitte die Leute zu erzählen, was ihnen unter Islam einfällt. Es sind hauptsächlich negative Klischees.Wenn der Gedanke vom einheitlichen Islam aufgebrochen ist, dann gehen wir auch zu den Themenbereichen "Fasten" im Krankenhaus oder Beten im Krankenhaus über. Und dann sind sie auch viel offener. Und ich sage ihnen auch, sie sollen sich klar machen, was ihre eigenen Werte sind. Ihre eigene Vorstellung von Toleranz. Das heißt ja nicht, dass eine Krankenschwester jetzt in jedem Punkt zurückstecken muss.
Könnten Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Drehen wir den Spieß einmal um: Sie unterrichten Einwanderer aus muslimischen Ländern, was würden Sie ihnen beibringen zu den Eigenheiten der Deutschen?
Ich glaube,wichtig ist der Gedanke des Pluralismus. Viele Muslime kommen ja aus Ländern, die sehr geprägt sind von Tradition. Hier stößt man eben doch auf sehr viele Lebensentwürfe. Das ist für viele Muslime neu. Ich spreche mal Themen an, wie sexuelle Orientierung. Das ist ja ein aktuelles Thema, mit dem viele Muslime ein absolutes Problem haben. Und ich denke, wir müssen lernen Pluralismus und andere Lebensentwürfe zuzulassen.
Muslimische Stimmen
"Lawrence von Arabien und die Neugestaltung des Nahen Osten" von Muhammad Sameer Murtaza 25.06.09
VON: JÖRG BEYER

Lawrence von Arabien dürfte den meisten Menschen ein Begriff sein, jedoch in der überwiegenden Mehrheit wohl wegen des Filmes mit Peter O'Toole oder seines Buches „Die sieben Säulen der Wahrheit", auf welchem der Film größten Teils beruht. Dass es sich beide Male um eine nicht ganz realistische, eher eine geschönte Darstellung handelt dürfte schon weniger Menschen bekannt sein.
Muhammed Sameer Murtaza versucht in seinem Buch „Lawrence von Arabien und die Neugestaltung des Nahen Osten" ein genaueres Bild des Lebens dieser Person zu zeichnen und insbesondere seine persönliche Zerrissenheit und Brüche aufzuzeigen. So ist es keinesfalls so, dass Lawrence von Beginn an „auf Seiten der Araber" war und in ihrem Interesse agierte und kämpfte, sondern es ist aus Dokumenten recht deutlich, dass sein Hauptaugenmerk englischen Interessen galt und ihm wohl bewusst war, dass er den Arabern gegenüber nicht die Wahrheit in seinen Versprechungen sagte. Nichts desto trotz ist er am Ende ein geschlagener und in gewissem Sinne auch gedemütigter Mann, als deutlich wird in welchem Ausmaß arabische Interessen bei der im Titel angespielten „Neuordnung des Nahen Osten" übergangen werden und die pure Ausnutzung ihrer Kampfkraft offen zu Tage tritt. Murtazas Behauptung: „T.E. [gemeint ist Lawrence] trug nicht die alleinige Schuld an all dem [...]" in Bezug auf die Aufteilung der arabischen Gebiete in der Folge des Ersten Weltkriegs ist jedoch trotz der Einschränkung ein wenig übertrieben und überhöht seinen Einfluss auf das Geschehen deutlich.
In seiner Darstellung liefert Murtaza eine Biographie anhand von Zitaten aus den verschiedensten Quellen, wobei er sich größtenteils auf bereits vorhandene Biographien und Selbstzeugnisse von Lawrence stützt. Bis auf einige Interpretationen dieser Zeugnisse liefert er zwar keine grundlegend neue Erkenntnisse, jedoch handelt es sich um eine gut lesbare und gekonnte zusammengefasste Darstellung des Lebens einer beeindruckenden Person.
Warum diese Thematik überhaupt in dieser Biographie thematisiert wird ist jedoch nicht ersichtlich.
Kismetonline
Die Psyche des Lawrence von Arabien
Ein spannendes und kurzweiliges Buch über das Innerste des britischen Spions und die Neugestaltung des Nahen Osten.
Bereits in seiner vierten Auflage erscheint "Lawrence von Arabien und die Neugestaltung des Nahen Osten" von Muhammad Sameer Murataza.
In sechs Kapiteln auf rund 130 Seiten - teils bebildert - geht der Autor auf die Spurensuche eines psychische angeschlagenen T.E. Lawrence. Es folgen Einblicke in seine problematische Kindheit, die patriotische Erziehung, sein Kampf für ein unabhängiges Arabien und das völlig zerstörte Innere eines Mannes an seinem Lebensende.
Das Werk erspart sich ausführlicher Kapitel, es legt Wert auf neue Sichtweisen auf Basis bekannter Biographien und Sachbücher zu dem Thema. Es öffnet neue Blickwinkel auf Altbekanntes und enthüllt die wahren Motive des britischen Spions.
Ist es am Anfang die glühende Liebe zum großen Empire, wachsen die Gewissensbisse von Tag zu Tag. Lawrence ist äußerlich gänzlich Araber, seine Psyche kämpft aber stets mit seinen fragwürdigen Taten.
Plädoyer für einen Weltethos
Auf Kosten eines ganzen Volkes unterstütz er die Entstehung eines blutigen arabischen Nationalismus und die Entzweiung des Osmanischen Reichs. Auch bei der Gründung des Staates Israels spielt er eine Rolle, auch wenn er stets versucht ein unabhängiges Palästina zu sichern.
Viele Geschichten seines Buches "Die sieben Säulen der Weisheit" sind erfunden oder ausgeschmückt. Nach einer selbstgewählten Zeit als einfacher Soldat, der Freude an der Erniedrigung fand, stirbt der Britte bei einem Motorradunfall.
Abschließend spricht sich der Autor in einem leidenschaftlichen Plädoyer für einen Weltethos im Sinne von Hans Küng aus und fordert Politiker wie Willy Brandt und John F. Kennedy.
Das kurzweilige Buch ist eine spannende Zusatzlektüre, um das komplexe Mosaik Naher Osten zu verstehen. Und gibt Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Muhammad Sameer Murtaza: Lawrence von Arabien und die Neugestaltung des Nahen Osten. Books on Demand GmbH. 2009
Autor: Karim Saad



