Toleranz
- Die Fraglichkeit der Welt
„Der Entscheidung an Gott zu glauben oder auch nicht zu glauben, liegt eine andere Entscheidung zugrunde, nämlich die des eigenen Verhältnisses zur Welt. Wir Menschen betreten diese Welt und müssen erkennen, dass diese Welt fraglich ist. Der Mensch steht vor der Entscheidung der Welt ein Grundvertrauen oder ein Grundmisstrauen entgegenzubringen. Er kann ‚Ja' zu der Welt sagen, kann sie als sinnvoll, wertvoll und wirklich beurteilen. Aber er kann auch ‚Nein' zu der Welt sagen, sie als sinnlos, wertlos und nichtig beurteilen."
- Glaube und Atheismus sind Resultate unserer individuellen Erfahrung der Fraglichkeit dieser Welt
„Aber beweisen lässt sich dies nicht. Gott ist verborgen, Er offenbart sich dem Menschen lediglich indirekt durch die Offenbarung des Kosmos und den Offenbarungen, die den Propheten zuteil werden. Der Gottgläubige mag einem Atheisten noch so viele ‚Beweise' bringen, die für eine Existenz Gottes sprechen, doch der Atheist kann diese mit einem ganz anderen Blick sehen und sie als nicht überzeugend beurteilen. Bereits der Qur'an berichtet von dieser Fraglichkeit der Welt: Doch als er mit Unserer Botschaft zu ihnen kam, lachten sie darüber, (43: 47). Ein ‚Nein' zu Gott ist möglich. Es ist Resultat der individuellen Erfahrung der Fraglichkeit dieser Welt. Ein ‚Ja' zu Gott ist möglich. Es ist Resultat der individuellen Erfahrung der Fraglichkeit dieser Welt."
- Was ‚Glaube' bedeutet
„Glauben ist ein sich einlassen auf einen letzten Grund, Halt und Sinn der Wirklichkeit. Glaube kann manchmal von Zweifel begleitet sein. Glaube kann auch in Unglaube, ebenso wie Unglaube in Glaube umschlagen.(...) Durch die Ausübung unseres Glaubens, durch das bezeugen unseres Bekenntnisses, wächst in uns die Gewissheit, dass diese Entscheidung richtig war. Wir wissen, warum wir der Welt vertrauen, warum wir uns abmühen aufzubauen, statt zu zerstören. Atheismus ist dagegen Misstrauen, Misstrauen gegenüber Gott, Misstrauen gegenüber der Welt, Misstrauen gegen die eigenen Mitmenschen, in seiner exzessivsten Form sogar misstrauen gegen sich selber. Wir können also mitnichten davon sprechen, dass Glaube und Atheismus in der Lebensqualität, die sie erzeugen, gleichwertig sind. Atheismus bedeutet letztlich Grundlosigkeit, Haltlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Ziellosigkeit. Diesen ‚reinen' Atheismus traut sich nur selten jemand offen zu leben. Ausweichkonzepte wie ‚die Natur' oder ‚die Vernunft' werden zum Ersatzgott, um doch noch durch die Hintertür ‚Ja' sagen zu können. (...)Der Spott, den wir Gottesgläubigen durch alle Zeiten hindurch begegnet sind, gründet darauf, dass wir irrationale Spinner seien. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Unser ‚Ja' ist alles andere als eine irrationale Entscheidung. Unser ‚Ja' ist Ausdruck unserer menschlichen Erfahrung. Ausdruck unserer Entscheidung, nachdem wir über die Welt und ihre Fraglichkeit reflektiert haben. Unser ‚Ja' ist also eine rational verantwortete Entscheidung."
- Unsere Verbundenheit mit Juden und Christen
„Juden, Christen, Muslime und andere Gottgläubige sind durch ihren Glauben und ihr Vertrauen, dass sie der Welt entgegenbringen miteinander verbunden. (...)Trotz unserer theologischen Unterschiede, kann niemand ernsthaft leugnen, dass Juden, Christen und Muslime an den gleichen Kern oder an die gleiche religiöse Vorstellung glauben."
- Die Erfahrung der Fraglichkeit dieser Welt bedingt Toleranz
„Gerade wegen der Fraglichkeit der Welt müssen wir Atheisten die Hand reichen. Denn ihre Entscheidung ist eine zutiefst menschliche, selbstverantwortete Entscheidung aufgrund ihrer Erfahrung der Fraglichkeit der Welt. Die Fraglichkeit der Welt kann und sollte Basis eines Dialogs zwischen Gottesgläubigen und Atheisten sein. Und mit Dialog meine ich nicht arrogante Belehrung. Und mit Dialog meine ich auch keine Dawa. Die beste Dawa ist der gelebte Glauben, als Zeugnis des Wagnisses zu Glauben. Als Einladung zum selben Wagnis. Nur der Austausch unserer Wahrnehmung der Welt kann ein Kennen lernen, Verstehen und Miteinander in Gang setzen."
- Sind der Wahrheitsanspruch des Islam und das Gebot der Toleranz miteinander zu vereinbaren?
„Die Anhänger aller Religionen haben Gottes Namen missbraucht. Haben ihn mit Blut besudelt und die übelste Gottlosigkeit unter dem Deckmantel der Religion verübt. Deswegen bedeutet ein verantwortungsbewusster Umgang mit Religion auch einen behutsamen Umgang mit dem Wort Gott und dem Wort Wahrheit. Aber zu fordern, dass wir einen religiösen Relativismus pflegen sollen, ist Anmaßung. Denn was bedeutet Religion, wenn sie mit der Wahrheit nicht in Verbindung treten darf. (...)Aber keine Religion hat das Recht Hasstiraden gegen andere Religionen oder gegen den Atheismus auszustoßen. (...)Die Maxime lautet daher: ‚Jede religiöse Gemeinschaft hat das Recht ihren Glauben als Wahrheit zu verstehen, jedoch hat sie nicht das Recht die Daseinsberechtigung und Lebensentwürfe anderer Religionen - noch dazu mit Hasstiraden - aufzuheben."
- Muslimsein im 21. Jahrhundert
„Für eine bessere, gerechtere, und solidarischere Welt wollen wir mit allen Menschen guten Herzens zusammenarbeiten. Ganz im Geiste der Toleranz und der guten Nachbarschaft."



