Ursprung des Extremismus
- Die Kharidschiten
„Mit der Ermordung des dritten Kalifen Uthman ibn Affan 656 durch Aufständige, die seine Politik kritisierten, sah der Stamm der Umayyaden seine Zeit gekommen, um die Macht im islamischen Reich zu übernehmen. Die Umayyaden waren jener Stamm, die den Gesandten Gottes am heftigsten und bis zu letzt bekämpft hatten. Gleichzeitig richteten sich nun die Hoffnungen der Unzufriedenen im islamischen Reich auf Ali ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn des Propheten. Er galt als Hoffnungsträger einer gerechten, sozialen und islamischen Politik. Schließlich nahm Ali das Kalifat an. Doch seine Legitimität war von Anfang an beschädigt, da es die Aufständigen, unter ihnen auch die Mörder Uthmans, waren, die ihm das Kalifat übertrugen. Noch fataler war seine Entscheidung, den Aufständigen Amnestie zu gewähren, in der Hoffnung, auf diese Weise die Risse innerhalb der muslimischen umma nicht noch weiter zu vertiefen. Die Umayyaden, an ihrer Spitze der syrische Statthalter Mu'awiya bin Abi Sufyan, packten diese Gelegenheit am Schopf und bezichtigten den neuen Kalifen mit den Mördern Uthmans gemeinsame Sache zu machen. Mu'awiya positionierte sich geschickt als Rächer Uthmans, der das Kalifat Alis aus moralischen Gründen nicht anerkennen könne. Die Folge war ein Bürgerkrieg, indem es nicht um mehr und nicht um weniger als um die Macht im islamischen Reich ging.
Die andere Gruppe bestand aus Muslimen, die glaubten, dass die Ermordung Uthmans rechtens gewesen sei, weil er Stammesangehörige bevorzugt hätte und sich somit an seinem Amt versündigt hätte. Diese Gruppe stammte größtenteils aus Nord-Arabien. In diesen Stämmen stand seit jeher das Gemeinwohl des Stammes an erster Stelle. Um dieses zu gewährleisten, musste der fähigste Mann, unabhängig seiner sozialen Stellung, den Stamm führen. Es kann sehr gut sein, dass diese Araber eine solche Vorstellung auf die umma übertragen haben.
Aus der ersten Gruppe entstand die Schia, aus der zweiten die Kharidschiten. Beide Gruppen müssen in ihrem historischen Kontext gesehen werden. In einer Zeit der Unsicherheit und der Krise suchten die Muslime Halt. Unter den Anhängern Alis klammerten sich die einen an die Vorstellung eines unfehlbaren Imams, die anderen an eine göttlich inspirierte Gemeinde.
657 trafen beide Kontrahenten - Ali und Mu'awiya - bei Siffin aufeinander. Der Kampf, der dort entbrannte zog sich über Monate hin. Als sich schließlich ein Sieg Alis andeutete, brachte Mu'awiya die Religion ins Spiel. Er ließ auf Lanzen Koranblätter heften, um damit anzudeuten, dass der Streit nicht auf dem Schlachtfeld entschieden werden sollte, sondern von einem Schiedsgericht. Ali durchschaute dieses politische Geschacher, jedoch musste er sich seinen erschöpften Soldaten beugen, die den Vorschlag Mu'awiyas begrüßten. Mit dieser Entscheidung zerbrach auch die Gefolgschaft Alis. Ein Teil von ihnen - ca. drei- bis viertausend Soldaten - verließen das Heer und drückten ihren Protest mit dem Slogan: „La Huqma illa billahi (Kein Urteil, außer Gottes)" aus. Für diese Fraktion hatte sich Ali versündigt, da Gott ihn als Kalif ausgewählt hatte, um die Interessen der Muslime zu verteidigen. Nun beugte er sich einem Schiedsgericht, das aus menschlichen Richtern bestand, die seinen Kalifatsanspruch überprüfen sollten. Man nannte sie fortan Kharidschiten. Ihr Name leitet sich von dem arabischen Verb kharadscha (weggehen, ausziehen) ab. Sie selber verstanden ihren Auszug, als ein Verlassen der Gemeinde der Ungläubigen, um eine Auswanderung zu Gott und Seinem Gesandten zu unternehmen."
- Die Theologie der Kharidschiten
„Die Kharidschiten, die sich zunächst aus politischen Gründen Ali angeschlossen hatten, entwickelten mit ihrem Auszug aus Alis Heer eine eigene theologische Dynamik. Im wesentlichen beschäftigten sie drei Fragen:
- Welche Position würden sie bezüglich der Kalifatsansprüche von Mu'awiya und Ali einnehmen? Welche Voraussetzungen musste ein Kandidat für dieses Amt erfüllen?
- Wie war ihr Urteil bezüglich Uthman? Hatte er gesündigt? Konnte man ihn immer noch als Muslim bezeichnen? War seine Ermordung gerechtfertigt?
- Jetzt, da die Muslime gespalten waren, was zeichnete zukünftig die „wahre" umma und den „wahren" Muslim aus?
Die Kharidschiten stimmten darin überein, dass Mu'awiya als auch Ali den Anspruch auf das Kalifat verloren hätten. Ali, den sie zunächst unterstützt hatten, hätte sich versündigt, als er sich von einem menschlichen Urteilsspruch abhängig machte, obwohl Gott ihm das Kalifat gegeben hätte. Somit hätte er sich im Unglauben verstrickt. Da beide - aus ihrer Sicht - nicht an Gott und den Jüngsten Tag glauben, seien sie zu bekämpfen. Künftig solle derjenige, der am fähigsten sei, Kalif sein und sei es ein ehemaliger Sklave. Konsequenterweise bezeichneten sie auch jeden ihrer Führer als amir al-mu'minin.
Bezüglich Uthman vertraten sie die Ansicht, dass die letzten sechs Jahre seines Kalifats eine Tyrannei gewesen seien. Er sei der Quell von Ungerechtigkeiten gewesen und habe sein Amt missbraucht, daher sei er kein Muslim, sondern ein Apostat (murtadd) und somit sei seine Ermordung rechtens gewesen.
Als Muslim definierten sie jeden, der die schahada (Das Glaubensbekenntnis) aussprach und sich ihnen anschloss. Einige waren sogar der Ansicht, dass das Kind muslimischer Eltern kein Muslim sei, bis es ein Alter erreiche, indem es fähig sei zu unterscheiden und schließlich durch eigene Entscheidung den Islam annimmt. Es soll auch Fälle gegeben haben, dass wenn sich jemand der „wahren" umma anschließen wollte, er seinen Glauben beweisen musste, indem er einen gefangenen nicht-kharidschitischen Muslim tötet. Ein Muslim, der jedoch eine schwere Sünde begangen hatte, wurde aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen und galt als murtadd, der getötet werden müsse, bereuen konnte man nicht.
Fortan überzog ihr Terror den Irak. Jeder, der sich nicht ihrer Richtung anschloss, töteten sie, aber nicht nur den Befragten, sondern zugleich seine gesamte Familie. Nebenbei bestritten sie durch diese „Säuberungen" ihren Lebensunterhalt, da sie die Getöteten ausraubten. Ihre theologischen Schlussfolgerungen hatten auch Folgen auf ihre Anwendung des islamischen Rechts. Es soll uns hier als Beispiel genügen zu erwähnen, dass eine muslimisch-kharidschitische Frau keinen nicht-kharidschitischen Muslim heiraten durfte.
Ali zog gegen diese Extremisten ins Feld und es gelang ihm, ihre militärische Macht zu brechen. Doch sie waren nicht besiegt, sie gingen in den Untergrund. Im Jahr 661 tötete ein Attentäter der Kharidschiten Ali vor seiner Moschee in Kufa.
Die Kharidschiten mögen eine kleine Gruppe gewesen sein, jedoch war ihr Terror mächtig. Ihr Beitrag zum muslimischen Denken war der Gedanke, dass der Muslim Erlösung nur innerhalb der „wahren" umma finden könne. Alle die außerhalb dieser umma stünden, seien zu töten, ganz besonders Muslime, die ebenfalls Anspruch erhoben Gläubige zu sein. Obwohl die Kharidschiten einige Jahrhunderte später untergingen, blieb ihr Denken und ihre theologische Legitimation für das Töten erhalten und diente späteren Generationen von Extremisten als Grundlage für ihr Handeln."



